Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 460 (sequence 16)
- Language
- German
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Ernst Michel profane Gebilde sind mit ihrem Auftrag in den Aeon der Sünde gebannt und erlöschen mit ihm. Es wäre nun noch darauf hinzuweisen, daß die ethisch-religiöse Bindung des politischen Katholizismus auch außenpolitisch ihre grundsätzlichen Folgerungen hat: sowohl durch die Unterstellung aller besonderen politischen Gebilde unter die übergeordnete Norm des Sittengesetzes, wie durch ihre Unterstellung unter den messianischen Anspruch, durch ihre Hinordnung auf das „Reich". Denn von beiden Blickpunkten aus verlieren alle konkreten politischen Gebilde ihren Anspruch auf immanente Eigenständigkeit und selbstherrliche Geltung. Eine Verabsolutierung der politischen Substanz dieses Staates und jener Nation, eine Begründung der politischen Lebensform auf die Radikalität des So-Seins dieses konkreten politischen Gebildes gegenüber einem anderen (die Begründung des Politischen bei Karl Schmitt) wird unmöglich, wenn der Schwerpunkt der politischen Gestaltung jedes besonderen Gemeinwesens nicht in der Geltung schlechthin seiner Besonderheit, sondern in der bindenden Unterordnung jeder natürlichen und geschichtlichen Besonderung, sei es unter die sittlichen Normen des Naturrechts, sei es unter die Reichgottesverheißung und den Reichgottesanruf liegt. Es ist Sache des einzelnen Katholiken sich zu entscheiden, in welcher von den beiden katholischen Ausgangspositionen, sittliches Naturgesetz oder Erlösungsglaube, er sein politisches Wirken verankerte. In der kirchlichen Lehre sind beide in eigenartiger Weise harmonisiert, derart, daß die Gnade (Reich Gottes) auf die Natur (sittliche Vernunftordnung) aufbaut, mit ihr zusammenwirkt. Es liegen hier Schwierigkeiten ernster Art begründet, auf die in diesem Zusammenhang nicht einzugehen ist. Im Bereich der praktischen Politik wird auf jeden Fall ein politischer Katholizismus, der mit der politischen Theologie seiner Kirche von dem einen oder dem anderen Ausgangspunkt aus ernst macht, zu jener grundsätzlichen und durchgängigen Besinnungs- und Korrektivhaltung führen müssen, die wir als die neue Ausgangsstellung eines lebendigen, nämlich „bekehrten" Liberalismus aufwiesen. VII. Für unseren Fragenkreis gewinnt nun auch das Judentum, seine politische Idee und Mission eine sehr gewichtige Bedeutung. Wenn ich hier als deutscher Katholik und unter religiös-politischem Aspekt vom Judentum spreche, so möchte ich von vornherein meine sehr begrenzte Zuständigkeit zugeben, aber doch auch zugleich betonen, daß ich nicht nur „von außen her" spreche, son- 460