Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 456 (sequence 12)
- Language
- German
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Ernst Michel als die von Gott eingesetzte profane Ordnungsmacht schlechthin, die allein im „Aeon der Sünde" dem Bösen zu wehren und den Fortgang des Lebens zu sichern vermag, — eine Auffassung, wie sie dem lutherischen Protestantismus eigentümlich ist und neuerdings mit aller Schärfe wieder von Friedrich Gogarten („Politische Ethik") neu erhärtet wurde. Ist nach reformatorischem Glauben je und je und ansteigend Erneuerung (Regeneratio) des Lebens auch in allen öffentlichen Ordnungsbereichen durch gläubig-gehorsamen Einsatz des Christen in die gegebene Situation möglich, dann verliert der Staat seine Übergewichtige Bedeutung und wird auch innerhalb des politischen Bereichs relativiert.5) Die Gestaltungsprozesse „von unten", in Volk und Gesellschaft, gewinnen wieder ein Eigengewicht, und es ist dann durchaus möglich, daß sie in einer geschichtlichen Situation wie der unsrigen als primärer Bereich religiös-politischer Verwirklichung ergriffen werden. So geschah es früher bereits im Sozialen durch die religiös-sozialen Pfarrer der Schweiz, so geschieht es heute im Politischen durch den süddeutschen Flügel des „Christlichen Volksdienstes". Von dieser Einstellung des reformierten Protestantismus her läßt sich eine gemeinsame religiös-politische Linie mit Katholiken und Juden wohl herstellen. Anders verhält es sich mit den Kreisen, in denen mit der theologischen Radikalisierung der lutherischen Staatsauffassung politisch Ernst gemacht wird: bei Luther selbst noch ganz realistisch nüchtern und kühl reserviert gegen die staatliche Obrigkeit verstanden, erfährt diese theologische Staatslehre später eine Zuspitzung und Übersteigerung, die praktisch auf eine Verabsolutierung des autoritären Staates und auf eine heute folgenschwere Preisgabe des politischen Eigengewichts der gesellschafthch-völkischen Bereiche hinausläuft. Daß auf diese zunehmende Gewichtsverschiebung der Akzente lutherischer Staatsauffassung zugunsten des Staates die geschichtliche Realität des preußischen Staates starken Einfluß gewonnen hat, scheint zweifellos zu sein. Ich denke da vor allem an den geschichtlichen Tatbestand, daß Preußen nicht wie der Süden und Westen Deutschlands Volk als selbständige politische Größe kannte, sondern daß dort der Staat allererst „Volk", nämlich Staatsvolk schuf, sich damit in diesem Raum gleichsam als die einzige wirksame geschichtliche Ordnungsmacht erwies. Doch auch von diesen geschichtlichen Zusammenhängen und ihren starken Nachwirkungen bis heute abgesehen, erweist sich der Gegensatz zwischen der *) Sehr deutlich sichtbar bei Emil Brunner, „Das Gebot und die Ordnungen" (bei Mohr, Tübingen) und Peter Barth, „Was ist reformierte Ethik?" („Zwischen den Zeiten", Jahrgang ig32). 456