Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise „Volk" bestünde dann von sich her aus politischen Mächten und Institutionen. Zwischen ihnen und dem Staat müßte sich das Leben der Demokratie zukünftig abspielen, in dieser Polarität muß ihre neue geschichtliche Lebensform sich bilden. V. Eine liberale politische Besinnungshaltung, der im dargelegten Sinn die grundsätzliche Anerkennung überpersonaler und geschichtlicher Bindungen, insbesondere auch der relativen Eigenständigkeit der staatlichen Lebensform zugrunde liegt, wird nun weithin in gemeinsamer Front alle jene katholischen, evangelischen und jüdischen Kreise des Volkes vereinigen können, die in entscheidender Weise die Politik unter den Anspruch der religiösenVerwirklichung stellen. Es sei diese Möglichkeit, ja Notwendigkeit am Beispiel des politischen Katholizismus und des Judentums dargelegt, deren „religiös-politische Idee" am eindeutigsten ist. Doch ist dem ein Wort über die protestantische Situation vorauszuschicken. Die Protestanten stehen zurzeit in starkem Ringen um die Klärung und Ausprägung einer „politischen Ethik" oder „theologischen Grundlegung der Politik", wobei erhebliche Gegensätze zwischen Calvinisten und Lutheranern zum Austrag kommen, gerade auch innerhalb der früher einheitlichen Front der „dialektischen Theologie". Es sei hier nur auf die Schweizer Carl Barth, Emil Brunner, Alfred de Quervain einerseits, die Deutschen Friedrich Gogarten, Emanuel Hirsch, Paul Althaus andererseits verwiesen. Dazu treten religiöspolitische Bewegungen von symptomatischer Bedeutung, wie z. B. der „Christlich-soziale Volksdienst", in dem bisher unpolitische, vielfach pietistische Kreise einen religiösen Aufbruch in die Politik versuchen, der nicht mehr primär dem Staat, wie im staatskirchlichen Protestantismus, sondern dem „Dienst am Volk" gilt Die Bedeutung dieser letztgenannten Bewegung ist nicht im geringsten an ihrem scheinbaren Mißerfolg als Partei abzulesen, sie Hegt vielmehr in ihrem Wert als Beispiel einer neuartigen religiös-politischen Haltung im deutschen Protestantismus. Der „Christlich-soziale Volksdienst", der sein eigentlich zukunftweisendes Gepräge in Süddeutschland empfangt, steht der religiös-politischen Einstellung des reformierten Protestantismus näher als jener des Luthertums, insbesondere des norddeutschen Luthertums. Das reformierte Christentum hat nämlich eine viel positivere Einstellung als das Luthertum zu den Möglichkeiten der religiös-politischen Erneuerung des Lebens, zu einer „Politik aus dem Glauben". Infolgedessen verliert dort der Staat seine ausgezeichnete Stellung 455