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Der Morgen · 1933-02-01 · Heft 6 (Februar 1933) · p. 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 6 (Februar 1933)
Article
Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise
Date
1933-02-01
Page
450 (sequence 6)
Language
German
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Ernst Michel Gesellschaftsformationen, die im Namen ihres Prinzips den Menschen schlechthin beanspruchen, das vielfältige Eigenleben menschlicher Lebensformen enteignen und einer politischen Zwangsgewalt unterwerfen, der heute doch nur ein Minimum an gemeinverbindlichem Gehalt entsprechen kann. Der geschichtliche Kern der liberalen Bewegung ist in einer für die Neuzeit ungemein bedeutungsvollen Frage zu suchen, die vom Liberalismus richtig gestellt, aber areligiös und daher falsch gelöst wurde: die Frage nach der Vollmacht der Person, das Anliegen, die persönliche Freiheit und ihren Betatigungskreis zu retten gegen die Totalitatsansprüche politischer Mächte, insbesondere des modernen Staates. Der mittelalterliche Dualismus von Volksfreiheit und Obrigkeit, das Erbe der Kirche aus dem Kampf um die Befreiung der Einzelseele aus der völligen Gebundenheit in Bluts- und Stammesbande wirkten hier nach. Der Fluch der neuzeitlichen Freiheitsbewegung war es, daß sie, anstatt sich als notwendige Gegenbewegung innerhalb der geschichtlichen Ordnungsmächte und Bindungen einzusetzen, sich grundsätzlich gegen sie zu verwirklichen suchte, zuinnerst antipolitisch wurde, dem Individualismus verfiel und schließlich substantiell leer lief. Die europäische Geistesfreiheit, die zum Teil ihre echte Errungenschaft ist, ist daher heute von zwei Seiten her bedroht: Von der Anarchie als einer Folge des entarteten Liberalismus und von dem Terror der neuen politisierten Kollektivmächte mit ihrem totalen Anspruch. Die Geistes- und Gewissensfreiheit kann sich in dieser kritischen Situation nur behaupten, wenn sie sich von neuen Gehalten und neuen Bindungen ergreifen und erneuern läßt und darin Kraft gewinnt. Hier setzt die neue Aufgabe des Liberalismus, die Aufgabe eines „bekehrten" Liberalismus ein: nämlich unter Bejahung des echten Willens zur Einordnung, in der Bereitschaft, die dem Menschen wesenhaften überpersonalen Bindungen, damit auch den Staat, anzuerkennen, soll dieser Liberalismus zunächst einmal die Besinnungshaltung gegen verfrühte und unechte Bindungen, das Korrektiv gegen überhebliche Ansprüche gesellschaftlicher und politischer Mächte, insbesondere gegen die drohende neue Staatsvergötzung werden. Es gilt die Würde der Personalität, die menschliche Freiheit zu wahren gegen Bindungen, denen der echte Gehalt, der den Menschen zu binden und zu lösen vermag, fehlt: so vor allem heute gegen die leeren Gebilde eines wirklichkeitsflüchtigen Unterordnungswillens, gegen die dämonischen Versuchungen bloß vitaler Mächte und Kräfte, gegen den Bann der Ideologien, denen aus dem 450

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