Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 449 (sequence 5)
- Language
- German
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Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise werden und vermag den echten politischen Willenskräften wieder Raum zu bieten. Hier aber setzt die Aufgabe eines gereinigten und erneuerten politischen Liberalismus ein. III. Der Liberalismus als geistige Macht des neuzeitlichen Europa ist zweifellos im Absterben, seine geschichtsgestaltende Kraft erlischt. Man kämpft mit ihm nicht mehr wie einst als mit einer wirkenden Macht des öffentlichen Lebens; man rechnet mit ihm ab als mit einer Macht, die im Kern überwunden ist, die aber noch viele Positionen des geistigen und öffentlichen Lebens besetzt hält und deshalb einen Reinigungsprozeß im einzelnen verlangt. Wo es noch zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit den schwindenden Kreisen überzeugter Liberaler kommt, vollziehen sich diese wesentlich in der dünnen Luft der weltanschaulichen Diskussion, nicht in der öffentlichen Arena geschichtskräftigen Geisteskampfes. Was aber berechtigterweise heute überwunden wird, ist zunächst der Liberalismus des 19. Jahrhunderts: jenes Stadium seiner Entwicklung, in dem er sich über seine zeitlich und sachlich begrenzte geschichtliche Aufgabe hinweggesetzt und zu einem totalen Lebensprinzip mit universalem Anspruch erhoben hatte. Restand nämlich die echte Aufgabe seiner Frühzeit darin, die Eigenständigkeit und UrsprüngKchkeit der Person gegen überhebliche oder überlebte Ansprüche neuer und alter Ordnungsmächte zu schützen, insbesondere ein Korrektiv gegen den omnipotenten Staat zu sein, so war er in seinem Spätstadium zu einer individuahstisch zersetzenden, insbesondere zu einer faktisch antipolitischen Macht geworden. Gegen diese aber ist der Kampf berechtigt, zumal in der Gegenwart, in der die Rettung der echten politischen Kräfte gegenüber ihrer drohenden Aushöhlung durch eine in Interessengruppen zerspaltene Gesellschaft als vordringliche Aufgabe doch allenthalben erfaßt wird. Auf diese Aufgabe beschränkt sich nun aber der antiliberale Feldzug der neuesten totalitätstrebigen Rewegungen keineswegs. Ihr Wille zielt vielmehr darauf ab, auch den positiven Gehalt des geschichtlichen Liberalismus zu vernichten. Damit zwingt diese Kampffront die Resonnenen auch aus bisher antiliberalen politischen Kreisen dazu, aus politischer Verantwortung das Erbe der liberalen Frühzeit anzutreten und in gewandeltem Sinn wieder zum Dienste zu berufen: gegen die Übermacht des Kollektives überhaupt, im besonderen aber gegen die übersteigerten Totalitätsansprüche politischer Gemeinschafts- und 29 449