Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 448 (sequence 4)
- Language
- German
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Ernst Michel überlassen waren. Der moderne Staat hat sie teils kraft seiner eigenen monopolitischen Tendenz an sich gezogen oder er hat sich ihrer mit dem Zerfall der gesellschaftlichen Selbsthilfe notgedrungen angenommen (z.B. Schule, Sozialpolitik usw.). Aber dieser Vorgang vollzog sich in einer Zeit, da diese Angelegenheiten und Aufgaben infolge der Volkszerstörung und der religiösen, sozialen, geistigen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Zerspaltung immer weniger von oben her, d. h. einheitlich geregelt werden konnten. Das wachsende Unvermögen der Gesellschaft zur Selbsthilfe, des Staates zu einer die vielfältigen Besonderungen berücksichtigenden Regelung des gesellschaftlichen Lebens hat die gesellschaftlichen Machtgruppen gezwungen, in den staatlichen Raum vorzustoßen, und dort gegenüber einer verwaschenen Allgemein-Regelung ihre besonderen Lebensinteressen an den staatlich monopolisierten Sachgebieten nackt zur Geltung zu bringen. Die Krise des Staates und der politischen Willensbildung ist somit in starkem Umfange gerade darauf zurückzuführen, daß dem Staat und der staatlichen Politik immer mehr Aufgaben überwiesen und seiner Entscheidung immer umfassender die Lebensgebiete unterworfen wurden, für die, bei der Gegensätzlichkeit und bleibenden Differenzierung in unserm Volk, die zentralstaatliche politische Entscheidung wesensgemäß unzuständig geworden war. Und diese innere Unzuständigkeit dokumentiert sich in politischer Ohnmacht und in Autoritätsschwund. Es bedarf demgegenüber heute einer gewissermaßen „rückläufigen" Bewegung, einer weitgehenden Verselbständigung und Selbstregelung gesellschaftlicher Aufgaben und Lebensformen, um zunächst einmal die Möglichkeit eines politisch entkrampften Neben- und Miteinander der gegensätzlichen Kräfte und Mächte und damit die Voraussetzung einer zukünftigen „Einheit in der Differenzierung und Gegensätzlichkeit" zu schaffen. Dadurch allein vermag der Staat wieder frei und kräftig zu werden für jene begrenzten Aufgaben, für die eine real fundierte Gemeinsamkeit noch oder wieder da ist. Diese Bewegung würde einer sachlich informierten, das Interesse des Ganzer, im Auge behaltenden, entscheidungsfähigen Politik wieder jenen Zuwachs an politischen Kräften bringen können, an die heute mit nationalen Parolen vergeblich appelliert wird. Nur wenn den vielgestaltigen und sehr differenzierten gesellschaftlichen Gruppen und Körperschaften Selbständigkeit und Freiheit der Selbstverwaltung auf ihren eigenen Gebieten und damit öffentlicher Charakter gewährt wird, kann die zentrale, übergeordnete Staatsgewalt von dem bisherigen verhüllten oder unverhüllten Interessenskampf dieser Mächte befreit 448