Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Staat und Nationalismus
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 440 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Oppenheimer Notwendigkeit, um der Anarchie ein Ende zu machen, in die der Feudalismus die in Atome zersplitterte Gesellschaft versetzt hatte. So entstehen gleichzeitig aus einer einzigen Wurzel der Absolutismus, der Nationalismus, und — der Kapitalismus, zunächst, vor allem in England, als agrarischer Kapitalismus, in dem das Land zur Ware wird, die von Hand zu Hand geht. Es sind drei Schößlinge aus einer einzigen Wurzel — und der ganze Kampf der letzten Jahrhunderte, der ganze Inhalt der Weltgeschichte seit dieser Zeit, ist nur zu verstehen als der Kampf der Gemeinschaft mit diesen verbündeten Feinden. Denn — in letztem Grunde ist der Staat immer noch, was er von allem Anfang an war: die geregelte Gewalt zum Zweck der Bewirtschaftung des Menschen durch den Menschen, der Ausbeutung der Unterklasse seitens der Oberklasse. Die Oberklasse, jetzt nicht mehr feudal, sondern auch in ihren agrarischen Mitgliedern kapitalistisch, braucht den Staat, um sich gegenüber der ausgebeuteten Masse in ihren Vorrechten zu behaupten. Der Staat braucht den Kapitalismus, um das stehende Heer zu besolden, das allein ihn nach außen und nach innen schützen kann, nachdem die feudale Wehrverfassung verfallen ist. Beide bekennen sich zum Nationalismus: die Staatsgewalt, weil sie in der Idee des Vaterlandes und der gemeinsamen Abstammung eine stärkere Stütze findet als in der Idee der Dynastie, die mit dem frommen Glauben sehr viel von ihrer früheren Macht über die Seelen verloren hat. Die Kapitalistenklasse braucht den Nationalismus, weil sie im Wettkampf um die Märkte der Welt vor allem den Binnenmarkt für sich monopolisieren will. Der Ausdruck dieser Haltung ist der Merkantilismus, das Bündnis zwischen Krone und Commerz. „Machtbilanz" und „Geldbilanz" sind gleich einem Doppelstern das Zeichen, nach dem dieses Staatsschiff gesteuert wird. Diese Trias, dieser dreiköpfige Gott des Todes und Verderbens, hat nur einen Feind, den er zu fürchten hat: den Verbündeten seiner Anfänge, den Rationalismus. Er wird die Geister oder besser: den Geist, nicht mehr los, den er selbst rief. Von den Kampfschriften an, die im Investiturstreit die großen Gegner Papsttum und Kaisertum gegeneinander erließen, führt eine einzige Linie der Entwicklung über Calvin, Althusius und die Monarchomachen bis zu Rousseau und den Enzyklopädisten: mit dem Ergebnis, daß der in seiner Versteinerung zum Hindernis der kapitalistischen Wirtschaft gewordene Absolutismus niedergerungen wird. Aber der neue Staat, der Verfassungsstaat, ist immer noch der alte Staat 440