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Der Morgen · 1933-02-01 · Heft 6 (Februar 1933) · p. 439

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 6 (Februar 1933)
Article
Staat und Nationalismus
Date
1933-02-01
Page
439 (sequence 2)
Language
German
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Franz Oppenheiraer: Staat und Nationalismus und sich selbst untergeordneten alten „Gemeinschaft", der naturwüchsigen Einung von Verwandten und Nachbarn übernehmen: den Grenzschutz nach außen und, vor allem, den Rechtsschutz nach innen. So wird er ein Bastard von Herrschaft und Genossenschaft, von Gleichheit und Ungleichheit, von Recht gewordenem Unrecht und wirklichem Recht; er hört auf, nur ein „magnum latrocinium" zu sein und wird ein „corpus mixtum". Das hat Nietzsche besonders klar erkannt (jetzt haben es auch die Ethnologen eingesehen): „Ich, der Staat, bin das Volk, brüllt das kalte Untier". Das ist der Staat im allgemeinen. Der Nationalstaat ist noch viel jünger, kaum 700 Jahre alt; er entsteht erst im i3. und i4- Jahrhundert zunächst in Frankreich und England. Bis dahin war der Staat ein Haufwerk von Gauen und Provinzen ohne inneren Zusammenhang, abgesehen von dem allen gleichmäßig aufgezwungenen religiösen Glauben. Nichts hielt die Teile zusammen als die gemeinsame Steuerpflicht und Dienstpflicht gegenüber einer gemeinsamen Dynastie. Rasse und Sprache waren den Gewalthabern völlig gleichgültig; nichts interessierte sie als die Steuer- und Dienstleistung. Aber um jene Zeit wirken eine ganze Anzahl von Umständen zusammen, um die Aenderung herbeizuführen. Die „Christenheit", weltlich unter dem Kaiser, geistlich unter dem Papst zusammengefaßt, ist zerfallen. Die Verlotterung des Papsttums, die ungeheuren. Summen, die es den Ländern erpreßte, um seine Italienpolitik zu betreiben, der Mißbrauch des Bannfluches für offenkundig politische Zwecke eben dieser Politik, der ausschweifende Luxus der Kirche drückten schwer auf die Länder. Hier hatte sich in den Städten eine starke Kraft des Widerstandes gebildet; sie ging zuerst mit den Landesfürsten zusammen, die die Auspowerung ihrer Länder und die Einmischung der Kirche in ihre inneren Verhältnisse nicht dulden konnten. In diesen Städten kam ein Rationalismus auf, den der naturgebundene Landmann ebensowenig aufbringen kann, wie die militärische Widerstandskraft, die der Städter hinter seinen Mauern besitzt. Dieser Rationalismus höhlt die abergläubische Furcht vor den kirchlichen Machtmitteln mehr und mehr aus. Das Papsttum gelangt zeitweilig unter die Kontrolle der französischen Könige, und zwar während des langen „Exils" in Avignon, namentlich während des Schisma, das dem Papsttum allen Kredit raubte. So entsteht der absolute Staat, gestützt auf die Städte und die neuaufkommende rationalistische Wissenschaft des Rechtes und auch der Theologie: die Legisten der Universität von Paris, Wicliff und Occam in England; er entsteht als eine 439

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