Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Staat und Nationalismus
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 438 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Staat und Nationalismus Von Franz Oppenheimer Wir müssen unterscheiden zwischen dem Staat als Oberbegriff und dem modernen Nationalstaat als einer seiner historischen Erscheinungsformen, als Unterbegriff. Schon als Oberbegriff gefaßt, ist der Staat eine sehr junge Erscheinung. Ungefähr hunderttausend Jahre wenigstens lebt der Mensch in Europa: aber der Staat ist wenig über 5ooo Jahre alt. Er entstand im „Zeitalter der Wanderung und Eroberung", als um die Mitte des vierten Jahrtausend v. Chr. die Reiterhirten Westasiens den Weg nach Europa gangbar fanden, den ihnen bis dahin der große Gletscher von Norden her, das zentralasiatische Mittelmeer von Süden her, und in der schmalen Gasse dazwischen, der ungeheure Urstrom mit seinen Sümpfen und dichten Wäldern gesperrt hatte. Damals zuerst entstand durch Unterwerfung der neolithischen Bauernschaften der Staat in seinem geschichtlichen Sinne, als eine Hierarchie einander über- und untergeordneter Blassen: die Erobererherren oben als vorberechtigt, die Unterworfenen unten als vorverpfhchtet. Der Staat ist gewaltgeschaffen! Sein ursprünglicher Zweck bestand in nichts anderem als in der Bewirtschaftung des Menschen durch den Menschen; die Steuer- und Leistungspflicht der Untertanen wird derart geregelt, daß diesen die Leistungsfähigkeit erhalten bleibt. Sie werden bewirtschaftet wie eine Herde, die ihr Besitzer vor tierischen und menschlichen Räubern schützt und in Notzeiten füttert — um sie scheren und schlachten zu können. Aber das ist nur der erste Anfang. Um sich zu erhalten, muß der Staat die Funktionen der von ihm, wenn nicht völlig zerstörten, so doch von ihm ein-, 43S