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Der Morgen · 1933-02-01 · Heft 6 (Februar 1933) · p. 430

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 6 (Februar 1933)
Article
Der totale Staat
Date
1933-02-01
Page
430 (sequence 9)
Language
German
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Gottfried Salomon Verfassung Sanktion brauchte, schien die geistige Grundlage der Macht im Volke gegeben, das als Nation quasi-religiösen Wert hat. Immer liegt die außerstaatliche Bindung im Religiösen, braucht die Verfassung eine Gesinnung. Die frühen Nordamerikanischen Verfassungen stellten einen Kodex von Tugenden auf. Der Freiheit des Protestanten entsprach die unbedingte Unterwerfung unter Gottes Gebot. Der Liberalismus hat die protestierende Stellung des Geistes gegen den Staat nur übernommen. Die Freiheit vom Staate beruht auf Selbstorganisation, Gebundenheit und Verantwortung der Gesellschaft. Das haltgebende Moment kann eben nicht von außen kommen, sondern nur in der Einstellung der Menschen selbst gefunden werden, und die Grenzen des Staats sind, darum in den Ordnungen gegeben, welche die wirklichen Gemeinschaften wie Familien und Kirchen besitzen. „Der" Liberalismus existiert gar nicht; es gibt viel mehr einen englischen Liberalismus, der aus der ständischen und städtischen Selbstverwaltung hervorgegangen ist, einen französischen Liberalismus, der aus der Naturrechtsphilosophie stammt und in der Erklärung der Menschenrechte eine Einschränkung der zentralen und absoluten Gewalt will, und es gibt in den deutschen Staaten den von der klassischen Literatur und dem Idealismus getragenen Willen zur Nation als Liberalismus. Im Gegensatz zu Frankreich, das ein geschlossener Nationalstaat war und in dem Macht und Selbstbewußtsein des allgemeinen Bürgertums gegen den Staat der Stände revoltierte, war die deutsche Nation noch i848 in der Paulskirche wie eine Vision und die Einheit eine geistige Forderung. Die Idee des Kulturstaats wie der Kulturnation und der nationale Liberalismus im Kaiserreich bei Fortdauer des Militär- und Beamtenslaats gibt dem deutschen Liberalismus ein kulturpolitisches Gepräge. Man kann den Liberalismus als die Religion der Gebildeten bezeichnen. Mit der Forderung der Gewissensfreiheit im Protestantismus und dem Humanismus der Gelehrten der Renaissance beginnt das Ringen um die Verinnerlichung und Vergeistigung. Der Liberalismus sucht über alle Trennung und Scheidung hinweg den Menschen zum Selbstbewußtsein seiner schöpferischen und sittlichen Freiheit zu bringen und in diesem geistigen Kampf um Kultur und Moral erscheint der Staat nur als der äußere Rahmen für das Zusammenleben von Menschen, die das Gesetz in der eigenen Brust und die Ordnung in der Verantwortung für den Mitmenschen haben. Ein Glaube an das wahre Menschentum, das in der Bildung besteht und in der Selbstbestimmung sich verwirklicht. 430

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