Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Der totale Staat
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 426 (sequence 5)
- Language
- German
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Gottfried Salomon Gelder durch Steuern und Liebesgaben. Der demokratische Absolutismus, das bedeutet die Kollektivierung der Souveränität, wird, national legitimiert. Nicht das freie Individuum, sondern die souveräne Nation steht im Zentrum des „pouvoir constituant". Das Individuum ist nicht mehr eigen- und vollwertiger Bestandteil des Volkes, sondern gleichförmiger Staatsbürger: alle Eigenständigkeit von Stamm und Landschaft, Selbstverwaltung und Minderheitenrecht ist in der mobilisierten Masse aufgegangen. Der politische Atomismus hat in oer Egalität und Uniform der Zivildienstpflichl seine Entsprechung. Aber diese Demokratie muß formal sein, weil sie den Dissensus der Klassen ignoriert und den Consensus nur nach außen als Nation in einem freien Staate proklamiert. Die Grenzen dieser formalen Demokratie werden durch eine Verstaatlichung der Wirtschaft überschritten. Der totale Staat würde seine Mitglieder nicht nur zu Staatsuntertanen, sondern auch zu Wirtschaftsuntertanen werden lassen. Da die natürliche Harmonie auf Grund der (nie voll verwirklichten) freien Konkurrenz zur Illusion geworden ist, erzwingt der Staat als Unternehmer eine planmäßige Ordnung. An die Stelle der juristischen Person der Aktiengesellschaft tritt eine fiktive Gesamtperson, welche die Leitung und Verantwortung übernimmt. Im Rechtsstaate war Produktion und Austausch der Waren und. Meinungen privat, in dem neuen Machtstaate soll Beruf und Stellung öffentlich, zum Dienst und Amt werden. Der wirtschaftende Mensch wird wie ein Soldat im Wirtschaftsheer betrachtet und die gesamte Wirtschaft erscheint als „potentiel de guerre" in der Autarkie der nationalen Planwirtschaft. Der Staat bildet durch eine umfassende Zentralverwaltung eine souveräne Wirtschaftsgesellschaft. Diese ganzen Vorstellungen sind unbürgerlich, denn die deklassierten und depossedierten Schichten verlangen nicht Freiheit, sondern Sicherheit. In einer „lutte des classes ä rebours" stellen Landvolk und Mittelstand die revolutionären Soldaten gegen die Bourgeoisie. Der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts erscheint nur als bürgerliche Nationaldemokratie. Da aber Herrschaft nur aus dem Volkswillen als Gemeinschaftsprinzip legitimiert werden kann, so bleiben Regierung und Verwaltung von dem „plebiscite de tous les jours" abhängig. Die sozialen wie die nationalen Spannungen im Staate können nur im labilen Gleichgewicht gehalten werden, weil jede andere Lösung den offenen Ausbruch des Bürgerkriegs bedeutet. Der „stato totalitario" in Italien wie der Bolschewismus sind in Mitteleuropa unmögliche Vereinfachungen. „Ein pluralistischer Parteienstaat wird nicht aus Stärke und Kraft, sondern aus Schwäche ,totaV; er interveniert in alle Lebensgebiete,, weil er die Ansprüche 426