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Der Morgen · 1933-02-01 · Heft 6 (Februar 1933) · p. 424

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 6 (Februar 1933)
Article
Der totale Staat
Date
1933-02-01
Page
424 (sequence 3)
Language
German
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Gottfried Salomon Weihe gibt, ist auf die Dauer keine physische Gewalt imstande, Gehorsam zu erzwingen. Einst war der König heilig. Es schien Lästerung, die Weisheit des Herrschers anzuzweifeln und seine Gerechtigkeit zu bestreiten. Aber die Achtung der Autorität verbürgte nur einen mäßigen Gehorsam. Der Glauben an den Staat war zwar, wie der Glaube an Gott, unbedingt, aber die Macht war beschränkt, denn innerhalb des Staates bestanden religiöse, ständische, lokale Gebilde mit geheiligten Traditionen. Diese „Corps mterme<haires" waren die eigentlichen Verbände mit Gesetz und Ordnung, und ihre Auseinandersetzung mit dem Staate garantierte die Freiheit. Niemand konnte gezwungen werden, gegen seinen Willen als Soldat in den Krieg zu ziehen; ebenso schwer wie Soldaten waren Gelder aufzutreiben, Steuern und Kredite zu erhalten. Aber mit der französischen Revolution geschieht die geheimnisvolle Wandlung. Die Macht des Staates vermehrt sich in dem Maße, in dem er an Autorität verliert. Der einzelne Mensch in einer amorphen Masse, ohne die Hierarchie, die Einrichtungen und Traditionen der Zwischengebilde der höchsten Gewalt gegenübergestellt, wird der Staatsmacht ausgeliefert. Die allgemeine Heeres- und Steuerpflicht, der Zwang zur Arbeit und Abgabe wie der Zwang zum Dienst und Tode, macht aus dem Staate eine allmächtige Gottheit. Im Namen der Freiheit und des Volkes wird der Krieg zur allgemeinen Bürgerpflicht und der Beruf zur Zwangsarbeit, die moderne Gesellschaft durch das Gesetz uniformiert und die homogenen Massen der Nationen und Klassen einer Potestas untergeordnet, deren Autorität, deren Weihe und Würde schwindet. Der moderne Staatsapparat hat nicht, wie der große Herrscher, die göttlichen Attribute der Macht, Weisheit und Gerechtigkeit. Der starke Staat ist kein Muster von Tugenden« Wenn man heute die Idee der Freiheit, wie sie geistig, politisch, ökonomisch von den verschiedenen Arten des Liberalismus vertreten wird, als Sündenbock ausersieht, so muß man zunächst die feindlichen Brüder: Wirtschaftlicher und politischer Liberalismus, trennen. England war in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie schon einmal im 18. Jahrhundert Musterland, weil hier auf den gleichen Parteiprogrammen Manchestertum und allgemeines Stimmrecht verlangt wurden. Aber die Auswirkungen des Wirtschaftsliberalismus bedrohten die gleichen Menschenmassen, die der politische Liberalismus mit dem allgemeinen Stimmrecht bewaffnete, nämlich die durch freie Lebensmittelei nfuhr bedrängten Bauern, die ihres Zunftschutzes enthobenen Handwerker, die dem sozialen Raubbau preisgegebenen 424

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