Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Der deutsche Jude und der deutsche Staat
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 412 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Eschelbacher Haas immer ihren ehrenvollen Platz behaupten. Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß der jüdische Stadtverordnete heute eine seltene Erscheinung geworden ist, und daß im Reichstag augenblicklich kein Angehöriger der jüdischen Gemeinschaft ist. Auch bei ungeänderter Verfassung können sich die politischen Verhältnisse von Grund auf wandeln. Um so dringlicher müssen sich die deutschen Juden gegen jede Entrechtung wehren. IV. Die Väter der Judenemanzipation haben mit der Verleihung des vollen Bürgerrechts offen oder verschwiegen einen Vorbehalt verknüpft. Am klarsten hat ihn der Reformator des preußischen Schulwesens, Johann Friedlich S ü v e r n in seinem, übrigens den Juden sehr wohlwollenden, Gutachten zu dem Schrötterschen Entwurf eines Judengesetzes am 10. September 1809 ausgesprochen (Freund a.a.O. S. 283ff.): „Die jüdische Nation beruht auf ihrem Glauben, und wird nicht eher unter den Christen sich völlig assimilieren, als bis sie aufhört jüdisch zu sein, d.h. als bis die Juden Christenwerden. Ob es so weit gebracht werden kann, lasse ich dahingestellt sein. Will man aber den Versuch machen, so beginne man von vollkommener Mitteilung aller bürgerlichen Rechte und Pflichten, woraus allein innigere Vereinigung allmählich entstehen kann. Die Juden werden vielleicht Palästina vergessen, wenn man sie in Europa nur völlig einheimisch macht, werden vielleicht glauben, Jesus sei der Messias, wenn man sie nicht mehr zwingt eines Anderen zu harren." In der neuen schon erwähnten Theologie des Nationalsozialismus kehrt diese religiöse Hoffnung in verweltlichter Gestalt wieder als Forderung, die Juden könnten keine Staatsbürger sein, weil sie anders seien als die Deutschen. Mit dieser wichtigen, folgenreichen und vielleicht verhängnisvollen Forderung haben wir uns in dem tiefen Ernst, den sie verlangt, auseinanderzusetzen. Eine Tatsache wird trotz ihrer enormen, entscheidenden Bedeutung viel zu wenig hervorgehoben: Wir sind alle Menschen und haben alle die gleichen menschlichen Freuden und Leiden, Sorgen und Hoffnungen. Wenn es sich um Weib und Kind, um Gesundheit und Krankheit, um Arbeitslosigkeit oder Stellung handelt, fühlen Alle, Juden und Nichtjuden, durchaus gleich, und wenn sie darüber sprechen, verstehen sie sich, ohne daß irgend etwas zwischen ihnen stände. Auf einem breiten Unterbau gemeinsamer menschlicher Einstellung in den entscheidenden Fragen und Sorgen des Lebens entwickeln sich unsere Beziehungen zu unserer nichtjüdischen Umgebung, und auf diesem 412