Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Der deutsche Jude und der deutsche Staat
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 409 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der deutsche Jude und der deutsche Staal dringliche Zeugnis für die politische Kraft der Juden, insbesondere auch der deutschen Juden, in den vergangenen Jahrhunderten. Unter Verzicht auf Einzelheilen sei auf das schöne Bild jüdischer Verwaltungstätigkeit im engen Kreise verwiesen, das das im Jahre 1922 von Fritz Bär herausgegebene Protokollbuch der Landjudenschaft des Herzogtums Kleve bietet. Als Parnassim, Vorsteher und Rabbiner haben die führenden Männer unserer jüdischen Gemeinschaft jene Arbeit gefunden, die sie als Schultheißen, Ratsherren und Amtsmänner nicht leisten konnten. Auch für die jüdischen Gemeinden dieser nicht genügend gewürdigten langen Epoche, für die Führer und für die, die ihnen folgten, gilt das schon erwähnte Wort von L a g a r d e: „Die Kraft der Menschen und der Nationen liegt in ihrer Opferfähigkeit'\ Wohl vorbereitet durch die Anlage, die ihnen die Natur, und durch die Erziehung, die ihnen ihre Religion gegeben hatte, und gestützt auf die Erberfahrung ihrer gesamten Geschichte, in der Zeit, in der sie ein Staatsvolk bildeten, wie nachher in der Diaspora traten unsere Väter in das deutsche Staatsleben ein, als zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die Judenemanzipation die bis dahin verschlossene Pforte zum Staat öffnete. III. Denn verriegelt war sie für sie bisher allerdings gewesen. Die Geschichte der Juden in Deutschland ist fast so alt wie die deutsche Geschichte überhaupt, aber am Staatsleben haben sie erst seit wenig über hundert Jahren tätigen Anteil. In den Rheinlanden, in Köln und Trier, bestehen jüdische Gemeinden seit dem vierten nachchristlichen Jahrhundert. Nicht alle Juden, die heute in Deutschland wohnen, stammen von jenen frühesten jüdischen Niederlassungen. Aber wann immer sie in Deutschland einwanderten, stets trafen sie auf jüdische Siedlungen, an die sie sich anschließen konnten. In keiner Periode sind sie aus dem deutschen Volksleben wegzudenken, einen wichtigen Bestandteil haben sie immer gebildet, und als solcher waren sie immer vom deutschen Volke anerkannt. Ihre Geschichte in Deutschland ist gewiß vielfach trübe und mit der Erinnerungen an Verbrennungen, Verfolgungen und Austreibungen verbunden, aber es wäre falsch und ein schweres Unrecht, sie nur als eine Folge von Leiden anzusehen. Die stärksten Verkörperungen des deutschen Geistes im Mittelaller zeigen tiefe Sympathie für die Juden und zugleich starke Abneigung gegen sie, merkwürdig mit einander verbunden. Als symbolischen Ausdruck dieser seelischen Haltung des deutschen Volkes nehmen wir die Darstellung 409