Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Der deutsche Jude und der deutsche Staat
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 407 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Der deutsche Jude und der deutsche Staat beschränkter Egoist und Individualist; seine Welt beginnt nickt und endet nicht bei der eigenen Person, sondern er lebt als Glied eines lebendigen Ganzen, zum mindesten der Familie. Diese natürliche Anlage zum Leben in der Gemeinschaft, die wir mit allen Menschen teilen, wurde dann gewaltig verstärkt durch die Erziehung, die uns unsere Religion in Jahrtausenden ununterbrochen hat zuteil werden lassen. Paul de Lagarde, eine der großen Verkörperungen deutschen Wesens, hat uns Juden nicht wohl gewollt. Und doch hat gerade er unserer Kraft zum Staat das glänzendste Zeugnis ausgestellt. Er hat in uns vom staatlichen Gesichtspunkt aus ein Seitenstück zu dem von ihm so geliebten Preußen gesehen, und er hat uns den großen Staatsnationen als Muster hingestellt, als er in seinen Deutschen Schriften schrieb: „So dauerhaft, so einem Naturprodukt ahnlich wir durch Preußen geworden sind, ebenso dauerhaft und homogen sind die nicht wie wir in einem politischen Ganzen vereinigten und der Wirkung dieses Ganzen stets ausgesetzten, sondern über die ganze Erde zerstreuten Juden trotz dieser Zerstreuung durch ihre Religion geworden." Nach einer lieblosen Charakteristik dieser Religion fährt er fort: „Die jüdische Religion besteht----aus der Überzeugung, daß jeder Augenblick des Lebens nach einem göttlichen Gebote eingerichtet werden muß. Diese Gebote dünken uns vielfach äußerst kindisch, aber sie haben die Juden gewöhnt, stets unter der Zucht zu stehen, aufzumerken, stets entsagen zu können. Und die Kraft des Menschen und der Nationen liegt in der Zucht und Opferfähigkeit." Es ist uns also nach dem Zeugnis der Geschichte und nach dem Urteil eines schonungslosen und feindseligen Kritikers von Haus aus eine gute Ausstattung für unsere Mitarbeit am Staate mitgegeben und ständig erneuert worden. Anlage und Erziehung haben sich in der Geschichte unseres jüdischen Staates und später in der Zeit unserer Zerstreuung bewährt. Familien haben sich in der ältesten Zeit zu Stämmen zusammengeschlossen. Die Stämme fanden sich hin und wieder vorübergehend zu einer Einheit zusammen, wenn dem Volke ein Mann erstand, den der Geist Gottes trieb, ein Richter, wie die Schrift sagt. Unter dem letzten dieser Richter, unter Samuel, wurde für Generationen die Einheit begründet. Es erstand, um iooo v. Chr., das nationale Königtum. Kurze Zeit war dann, unter David und Salomo, das vereinigte Israel ein bedeutendes Reich. Aber das Ganze zerfiel in seine Teile. Der nördliche Staat ist im Jahre 722 von den Assyrern vernichtet worden, und seine zehn Stämme sind nachher unter den Völkern verschwunden. Niemand weiß, wohin. Der süd- 407