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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 373

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Ansprache an die europäische Jugend
Date
1932-12-01
Page
373 (sequence 3)
Language
German
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Ansprache an die europäische Jugend wäre das, der lieber die Beete mit Schwefelsäure begießt als daß er die Annäherung der Varianten erträgt. Es bedarf keiner phantasievollen Metapher. Bei der Schwefelsäure halten wir ungefähr. Die Lage drängt zur Entscheidung. Und die Entscheidung hat im höheren Grad eine innere zu sein als eine praktische. Erst wenn die innere Entscheidung getroffen ist, kann die Tat eine Folge im Blut und im Geist haben. Und wenn wir diese Entscheidung von der Jugend fordern und erwarten, so ist es darum, weil wir Andern alle zu gedächtnisbeladen sind, zu befleckt von Irrtum, zu getrübt von Skepsis, zu eingefroren im Gewohnten und auch zu hilflos ohne ihren zur Erneuerung entschlossenen Willen. Täuscht mich die Vision nicht, so ist in den Seelen des heraufkommenden Geschlechts diese Entschlossenheit vorhanden. Sie fühlen, daß die Hypertrophie der Anstalten, der Experimente und der Projekte zu einem kläglichen Dilettantismus des Handelns führt. Leidenschaftlicher als das Bewußtsein der Menschenwürde wehrt sich das der Zusammengehörigkeit und der Schicksalsverbundenheit gegen Gewalt und Vergewaltigung. Das zentrale Problem des heutigen Europa heißt: Vermeidung von überflüssigem Tod. Hier ist der Kern der zusammenschließenden Bewegung. Hier die Quelle der Angst, die unser Leben pathologisch verdunkelt. Das rückt die Sehenden und Ahnenden aller Nationen einander näher. Gewiß, halte jeder seine Heimat fest, seine Erde, seinen Glauben, seine Sprache, Lied und Mythos seines Volkes, er kann es gar nicht inbrünstig genug tun, aber vergesse er nicht, daß es ein Teilglück, einen Provinzfrieden, eine Ablösung vom Allgemeinen zur Stunde nicht mehr gibt. Da ist eine Verwandtschaft und Affinität eingetreten, die sich als stärker erweisen wird als alle Verträge, Parteileidenschaften und Schutzvorrichtungen. Die Ideensetzung ist dann nichts weiter als die Abkürzung eines langwierigen natürlichen Prozesses, und das ist der tiefere Sinn aller Ideen und Ideale. Was ist es denn, worunter wir am meisten leiden, wir, die wir uns einbilden, mitberufen zu sein, eine neue Ordnung der Dinge heraufzuführen und dabei immer denen den Platz zu räumen haben, deren Geschäft es ist, die alte Verwirrung zu verewigen? Die Ursache ist sehr kahl, sehr banal: das unveränderliche verheerende Nebeneinander von Vernunft und Unsinn; daß der Unsinn so lange wütet, bis er durch die Nachbarin Vernunft, wenn ihr endlich das Gewissen schlägt, eine kleine Korrektur erfährt, eine kleine Reform, sozusagen anstandshalber, und daß dann nach kurzer Zeit der Aberwitz um so wilder ins Kraut schießt. Es ist als müsse man nur eine ganz dünne Wand niederreißen, damit Licht und Wahr- 373

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