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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 372

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Ansprache an die europäische Jugend
Date
1932-12-01
Page
372 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Jakob Wassermann dem inneren Bild. Um das Diffuse zu sammeln, das Beharrende zu bewegen, das Starre in Fluß zu bringen: vor allem das starre Herz der Welt. Viele mögen fragen, und haben es gefragt: was soll uns die Utopie eines All-Europa, da wir nirgends auch nur den Schimmer der Verwirklichbarkeit sehen, und was frommte uns selbst die Verwirklichung, da wir doch nicht mit dem gewandelten Menschen rechnen können; es wäre eine Wirklichkeit auf mechanistisch-politischer Grundlage, keine auf schöpferisch-sittlicher. Aber ich bin der Meinung, ihr Freunde, daß das Sittliche ein Postulat bleibe. Stellen wir uns der Tatsache. Der einfachen nackten gebieterischen Notwendigkeit. Ich bin kein Politiker. Ich habe auch nicht Lust, einer zu werden. Vielleicht sehe ich deshalb nicht minder deutlich die Wege, die Schicksale, die Bestimmungen, die Zusammenhänge. Und atme mit nicht minderer Angst die katastrophenschwüle Luft auf diesem gefährdeten Planeten. Und frage mich mit nicht weniger beunruhigtem Gewissen, was dieses Europa ist und was es sein könnte. Stimmen wir nicht die alten Klagen an. Sprechen wir nicht von unsern Enttäuschungen und Verzweiflungen. Meiden wir das Wort vom Untergang. Denken wir an die Bindung. Ja, denken wir Heber an den Sternenhimmel als an das, was uns umnachtet und vernichtet, selbst wenn wir allesamt, die wir da leben, als Söhnopfer fallen sollen. Wir kennen nicht unser vorbestimmtes Geschick; aber der goldene Punkt im Dunkel jedes Daseins ist das ungewußte Wissen um die, die nach uns kommen, und keine Tat ist vor Gott etwas wert, in der nicht Sinn und Seele der Gemeinschaft liegt, der Bruderwelt, der Du-Welt, die fast ausschließlich eine Leidenswelt ist. Europa! Was es nur umschließt! An begnadeter Landschaft, an erlauchter Kunst, an lebendiger Tradition, an Geschichte, die aus unserm Blute wuchs, an Geist und Deutung, an Ahnung und Musik, an Gestalt und Stufung der Gestalt: die ganze Hierarchie der Erscheinungen; einst stumme Tochter Asiens, jetzt Mutter von Kulturen; Schlachtfeld aller Dämonen der Hölle und Wiege Raphaels und Mozarts, mit jedem seiner Idiome einen besonderen Seelenraum der Menschheit begrenzend; welcher Reichtum, welche Buntheit, welche Vielfalt; wie ein von Genien gewebter Teppich. Es gibt Leute, und nicht die schlechtesten, die sagen, eine äußerliche Konstruktion wie die eines politisch geeinten Europa werde diese schöne wilde produktive Vielfalt schädigen und aus einer großartigen, wenn auch oft nervenangreifenden Polyphonie ein langweiliges Unisono machen. Es ist nicht zu befürchten. Gewachsenes wird sich immer organisch nach Arten und Gattungen gliedern, und ein seltsamer Gärtner 372

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