Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Ansprache an die europäische Jugend
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 374 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Jakob Wassermann: Ansprache an die europäische Jugend heit vom hellen Bezirk in den finstern hinüberströmen, aber rätselhaft, gerade diese dünne Wand ist das Unbesiegbare und spottet aller Bemühungen. Ein unheimliches Gesetz des Doppelten drückt heute die Geistigen zu Boden, oder besser gesagt, eine innere Antinomie die sie zur Wahrheit und Erkenntnis in ein höchst quälendes Verhältnis setzt. Sie können in sich nicht eins werden, wie sollten sie eins werden mit der Welt? und wie als in sich Zerfallene eine Welt erbauen? Allenthalben sitzen sie zwischen zwei Stühlen, zwischen Kollektivismus und Individualismus, Humanismus und Spartanismus, Wissen und Spekulation, immer zwischen Aufnehmen und Verwerfen, zwischen Kosmos und Chaos, zwischen Gott und Teufel. Alle haben sie, soviel ich sehe, doppelte Aufschreibung, eine geheime und eine offizielle, die Generäle und die Chemiker, die Journalisten, die Politiker und die Psychologen; die Ziffern, die in ihrem Soll und Haben erscheinen, sind imaginär, das heißt, sie ergeben jede beliebige Summe, die der, der sie addiert, herauszubringen wünscht. Wir müssen aber zu einer ehrlichen Bilanz kommen, das ist es. Und wir müssen, kost es, was es wolle, die besagte dünne Wand einreißen, hinter der die Gespenster unserer Welt ihren klappernden Spuk treiben; einreißen und die Fahne „Europa" in das friedlich eroberte Gebiet tragen, auch wenn wir, wie Karl der Fünfte auf die seine, das Wort Non dum auf sie sticken müssen. Denn die letzte Verwirklichung steht außerhalb der menschlichen Kapazität. 374