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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 371

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Ansprache an die europäische Jugend
Date
1932-12-01
Page
371 (sequence 1)
Language
German
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Ansprache an die europäische Jugend1) Von Jakob Wassermann Es bereitet mir nicht geringe Schwierigkeit, vor einem Forum wie diesem als Verfechter einer Idee aufzutreten, deren Ziel es ist, die europäische Figur, die europäische Seele, den europäischen Geist zu verändern. Denn der gestaltende Schriftsteller, der eigentlich der Kronzeuge einer Zeit ist, ihr mehr oder weniger klarer Spiegel, kann das Zukünftige nur insofern in den Bereich seiner Gesichte ziehen als es ihm ein Gleichnis für Vergangenes und Gegenwärtiges bedeutet. Keiner so wie er veranschaulicht die tragisch-umhauchte, nur im Sinne des Bildens fruchtbare Schwäche des Hängens am Gewesenen, des Abhängens vom Seienden, der Rückgestimmtheit, der Echoisierung. Ja, ich möchte sagen, alles was wir unter dem Namen Realismus begreifen, ist ein Erinnertes und bezieht sich auf jenes menschliche Augenblicksspiel und Augenblicksgeschehen, das freilich verflossene Jahrtausende umfaßt, während aller Idealismus dem Kommenden gilt und damit der Ewigkeit zugewendet ist. Die Sekunde, während der mein Wort zu Ihnen spricht, ist noch mein. Besitz, schon von der nächsten weiß ich nicht, ob ich sie mir und meiner Existenz und meiner Umwelt zuzählen darf, ob für ein Ich und ein Wir überhaupt noch Raum in ihr ist. Ohne meinen Traum von der Zukunft gäbe es keine Zukunft. Ohne mein Bild vom Gestern und Heute gäbe es nicht die Idee, die mich weiterträgt ins Unbekannte und Unendliche, und ohne den Glauben an eine Wandlung wäre jeder Lebensaugenblick ein abgespaltener gemeiner und sündhafter Tod. Warum sind wir hier? Um unsern Willen, unsern Traum wie einen Meißel in den. Rohblock der Ereignisse zu treiben und ihn zu formen nach!) Anläßlich des Pan-Europa-Kongresses in Basel, gesprochen am 2. Oktober 1932. 371

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