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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 369

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
Date
1932-12-01
Page
369 (sequence 13)
Language
German
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Spinozas Bild im deutseben und jüdischen Denken gefährlichste amoralische Wollen des Menschen gehört mit unter das Licht der Ethik, die Ethik darf vor ihm nicht erschrecken. Denn es wird sich stets nur um ein Wandeln, es wird sich nie um ein Ersticken des Jezer hara (der bösen Neigung) handeln "können. Nicht der Mönch ist das Zielbild Spinozas und des Judentums, sondern der im Leben tatige Mensch, der durch das Leben erst weise und gütig wird. Auch das alte Judentum hat es nie sagen wollen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Es hat gerade umgekehrt die dunklen Triebe, die in dieser Welt der Macht (und des Willens zur Macht) wurzeln, läutern und zur Reinheit steigern wollen, aber es hat sie nie einfach verleugnet, und es hat sie niemals blind auszulöschen gesucht. Und gerade hierin begegnet es sich mit Spinoza, gerade hier weht wahrhaft ethischer Atem des Alten Testaments noch in diesem letzten spätesten Enkel der großen Propheten und Tannaiten. Gerade hier aber kann, wie mir scheint, Spinoza noch heute Vorbild bleiben: in der Kraft und in der Größe, mit der schon er einst dem Problem der Macht in der Ethik nicht aus dem Weg ging und es nicht ästhetisch verschleierte oder es bequem dämonisierte, sondern es in Wahrheit und in unantastbarer Reinheit zu meistern und zu adeln suchte. Denn auch wir haben uns ja noch um diese uralten Fragen zu mühen. Auch wir haben wieder neue Zusammenhänge zu sehen und zu stiften: zwischen Macht und Recht und zwischen Kraft und Güte. Denn auch in unserem Leben, auch in unserem gegenwärtigen jüdischen Sein fehlt es nicht an dunkelem Abgrund solcher Art, den wir nicht mit Phrasen und nicht mit leichtem Pathos zudecken können. In der tiefen Erschütterung nach dem Weltkrieg, aus der gerade jetzt wieder diese grelle Feindschaft zwischen den Nationen und gegen uns aufflackert, in dem schweren Aufbauwerk in Palästina, in den erbarmungslos harten Kämpfen, die noch in aller Welt rings um und unter uns ausgefochten werden, hilft es nichts, sich in Wolken von Idealismus zu hüllen, und es hilft nichts, sich auf ein Ethos jüdischer Humanität zurückzuberufen, das sich früher bewährt hat. Es gilt vielmehr, heute auch der düstersten Wirklichkeit unserer Aufgaben klar entgegenzusehen, es gilt, sie im Denken wie im Tun nüchtern zu fixieren, und es handelt sich doch nur darum — wie Spinoza es vermochte —, diese irdische Welt selbst und unsere Aufgabe in ihr trotz aller Grausamkeit des Daseins als das einzig Werthafte zu empfinden, und sie tiefer und besser zu gestalten. Und deshalb dürfen und brauchen wir uns auch gewiß nicht zu 24 369

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