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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 370

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
Date
1932-12-01
Page
370 (sequence 14)
Language
German
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David Baumgardt: Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken schämen, wenn gerade starke geistige Taten der letzten jüdischen Generationen, wenn etwa das Werk von Karl Marx oder die Lehre Freuds jedes Auseinanderreißen von Natur und Ideal, von Ethos und Machtstreben abgelehnt haben, wenn gerade die größten geistigen Schöpf ungen des modernen Judentums dem „Geist der Erde" treu bleiben wollten, wie Spinoza einst ihm treu geblieben ist. Denn jede Flucht in ein naturfremdes, in ein naturfeindliches Ideal, muß doch unabwendbar zur Selbsttäuschung führen, wie Spinoza schon bewußt solche Selbsttäuschungen in unserem Affektleben bloßgelegt hat. In den Nöten, die uns heute umdrohen, wird kein Flug in eine übernatürliche Idee uns helfen, sondern nur die Pflege und die Reinigung der Triebe, die die Natur uns mitgab, kann uns befreien. Und gerade auf diesem Wege wird uns Spinoza noch lange Wegweiser sein können. Denn er hat es hier besonders lebendig erfaßt, tiefer als Kant: Der Drang nach Lust und nach Machtentfaltung ist in jedem Menschen unausrottbar, wenn sich auch dieser Drang in immer neue Formen zu kleiden liebt. Deshalb kann dieses Streben nach Lust und nach Macht niemals aus cler Sittlichkeit ausgewiesen werden. Nur auf dem Boden jener dunkleren natürlichen Triebe kann echte Sittlichkeit erwachsen. Nur durch Klärung und durch Lichtung unserer dumpfen, natürlichen Regungen kann wahre Güte und zuverlässige Menschlichkeit entstehen. Und nur so ist auch Freiheit von und vor der Welt erreichbar. Denn gerade hier kann es Spinoza am tiefsten lehren: Gerade er, der zu dem Dasein ganz und ohne Bitternis Ja sagen wollte, hat doch eben damit dieses Dasein viel reiner überwunden, und er hat sich viel ergreifender von ihm frei zu schaffen gewußt als alle Lebensverneiner. Spinoza hat die Welt nie bekämpfen und nie verachten wollen. Aber er hat sich gerade damit — in seinem Leben und in seinem Werk — sichtbarer über sie hochgeruhgen, als es aller uns bekannter Pessimismus und alle Askese vermag: alle Askese, die doch meist viel tiefer in Welt verstrickt blieb, als sie selbst ahnte. Ein Führertum aber zu solchem geprüften und doch ungebrochenen Leben und Werten tut gewiß auch uns noch immer dringend not, und es wird niemals veralten. Auch wir werden keine neue Antwort finden können auf unsere heutigen brennenden Welt- und Lebensfragen ohne einen Hauch dieser Welt-' liebe und dieser Weltenthobenheit, die in Spinoza lebte, und ohne einen Hauch seiner Reinheit und seiner härtesten Geradheit. Aber dann wird wohl auch» wie wir hoffen dürfen, das schwere Mißverhältnis zwischen Spinozas Wirken auf den deutschen und auf den jüdischen Geist tiefer ausgleichbar werden. 370

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