Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 368 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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David Baumgardt niemals das Herz erweicht hätten wie Spinoza, der sei kein Jude mehr. Und diese Spinoza-Fremdheit der selbständigsten Denker des neueren Judentums kann auch durch die Neutralität, die etwa Moritz Lazarus geübt hat, und sie kann durch die Spinoza-Liebe Berthold Auerbachs oder auch Constantin Brunners und durch manche Spinoza-Verehrung in der ostjüdischen Haskalah nicht wett gemacht werden. So bleibt dieses Ergebnis zunächst überraschend und bedrückend für uns, daß es bisher nirgends gelang, Spinoza für ein eigentlich neues Weltbild des Judentums lebendig zu werten. Auch die Versuche, den Denker in den weitesten geistigen Nationalzusammenhang des jüdischen Lebens einzuordnen, auch die Anläufe hierzu, die schon Heinrich Heine und Moses Heß begonnen haben, und die jetzt etwa von Margarete S u s m a n n oder besonders vertieft von Martin B u b e r in Anregung kamen, sind bisher nur kursorisch in Angriff genommen worden. Wir haben bis heute noch keine Formel dafür gewonnen, wie wir Spinoza wirklich zentral hineinstellen können in das ewige Leben des jüdischen Geistes. Und trotzdem kann ihn auch das Judentum gewiß nicht entbehren. Alles Eifern und aller Kantsche Moralismus Cohens und umgekehrt auch die klare und die kalte Kritik, die Spinoza selbst einst gegen jüdisches Wesen gerichtet hatte, kann doch tiefste Zusammenhänge zwischen ihm und einem letzten reichen Wirken des Judentums nicht lösen. Ich glaube vielmehr, gerade die aufreibendsten Fragen, die er uns bis heute vermittelt, die harten Rätsel der Machtmoral und des Immoralismus sind dem alten und dem ältesten Judentum nicht so fremd, wie es mancher neue und überspitzte Moralismus uns glauben machen will. Denn wir wissen es ja heute wieder, daß wir den eigensten Sinn jüdischer Ethik nie treffen werden, wenn wir ihn nur in nächster Angeglichenheit an die Moral des Christentums suchen. Wir wissen es wieder, auch die ergriffenste Losung des christlichen Menschen, vor der wir jede Ehrfurcht haben, kann doch nirgends unsere Losung werden. Auch der heroische Wille der christlichen Ethik, die Schranken der Natur völlig zu überwinden, auch der mächtige Drang des echten Christentums zur Machtverneinung und zur Askese kann für die ewige Idee des Judentums keinen Ersatz geben, kann diese Idee niemals verdrängen, die Idee des Judentums als einer mehr erdgebundenen, als einer direkter lebensnahen, als einer stärker spinozistischen Moral. Schon der Talmud fordert ausdrücklich: Nicht nur den guten, auch den bösen Trieb sollst Du mit ins Lehrhaus schleppen. Das heißt: gerade auch das 368