Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 367 (sequence 11)
- Language
- German
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Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken lieh viel kleinere Einfluß, den Spinoza bisher auf die Philosophie des Judentums geübt hat, im Gegensatz etwa zu den mächtigen Fluten von Leben, die von ihm aus in die deutsche Metaphysik, die von ihm her in die Philosophie des protestantischen deutschen Idealismus hinübergeflossen sind. Die begrifflich strengsten und reifsten, die beiden systematisch geschultesten Denker des neueren Judentums, Moses Mendelssohn und Herrmann Cohen, haben nur in heftiger Abwehr gegen den Spinozismus gestanden. Und bei Cohen hatte sich diese Ablehnung bis zum Zorn und bis zum Haß verdichtet. Schon Mendelssohn hatte sich trotz seiner Sanftmut besonders scharf gegen jede Form des spinozischen Pantheismus und gegen die schroffe Leugnung der Willensfreiheit verwahrt, die er gerade bei Spinoza am radikalsten ausgesprochen fand. Höchstens das hat er schließlich in letzter Versöhnlichkeit zugestanden: Spinoza sei eben ein Opfer, das sich in den ungeheuren Denkabgrund zwischen Descartes und Leibniz stürzen mußte zum Heil einer höheren Metaphysik, und er sei ein Opfer, das mit Blumen geziert zu werden verdiene. Aber wenn Mendelssohn auch mutig für die Charakterreinheit Spinozas kämpfte, wenngleich er selbst einen geläuterten Spinozismus gelten lassen wollte, und obwohl er gelegentlich einige Berührung mit Spinozas theologisch-politischem Traktat zeigt, so bleibt doch im Ganzen die Fremdheit und die Kühle zwischen den beiden Denkern deutlich und unüberwindlich. Und es ist hier nirgends ein wirklich erregender Funke von dem großen Ethiker des 17. Jahrhunderts auf den späten Epigonen der Aufklärung übergesprungen. Salomon Maimon, der jüngere Zeitgenosse Mendelssohns, hat zwar ein besonders prägnantes und ein besonders geistvolles Wort über Spinoza gefunden. Er hat nämlich entschlossen die Rede vom Atheismus Spinozas bekämpft und hat umgekehrt den Denker zum Akosmisten stempeln wollen, d. h. nicht zu einem Leugner Gottes, sondern zum Leugner der Welt, der Welt, die er eben ganz in Gott habe aufgehen lassen. Aber auch Maimon gewann sonst nirgends eine ähnliche innere Fühlung zum Spinozismus wie der ihm folgende deutsche Idealismus. Cohen aber hat dann geradezu in Spinoza den bösen Dämon des Judentums gesehen, und er hat schließlich die bitteren, aber ergreifenden Worte geprägt : wer den jüdischen Prophetismus so verkannt habe wie Spinoza, wer gegen den messianischen Zukunftsgedanken, wer gegen die ganze mosaische Sozialgesetzgebung so blind geblieben sei, wer den Wert des Mitleidaffektes so hart negieren konnte, wem selbst die Psalmen 367