Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 366 (sequence 10)
- Language
- German
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David Baumgardt Wissenschaft als maßgeblich oder überhaupt nur als. wesentlich bedeutungsvoll anzusehen. Die hochfliegenden Ziele dieses' schrankenlos metaphysischen Denkens können uns nicht mehr als naturwissenschaftlich exakt erreichbare Ziele gelten. Und auch Spinozas vielgerühmte Betonung der Naturnotwendigkeit alles Geschehens muß an Tiefe und an Fruchtbarkeit hinter anderen großen Deutungen und Reflexionen über den Kausalsatz weit zurückstehen. Aber gerade der Ethiker Spinoza hat allem Anschein nach in der deutschen und in der europäischen Geistesgeschichte noch lange nicht sein letztes Wort gesprochen. Bei all dieser Kraft jedoch, mit der Spinoza bis heute mitten in der europäischen und besonders in der deutschen Kultur wirkt — wie ist es zu verstehen, daß das Judentum im Ganzen doch seltsam kühl gegen ihn blieb? Ein Antisemit, Ludwig Kuhlenbeck, ein Übersetzer Giordano Brunos, hat schon 1907 nicht unterlassen können zu meinen: Spinoza verdanke seinen Ruhm allein der jüdischen Reklame. Das ist natürlich ein offenkundiger Unsinn. Denn es liegt genau umgekehrt: Gerade die größten Führer der deutschen Geistigkeit haben sich immer und immer wieder für Spinoza eingesetzt. Das Judentum aber hat, besonders mit seinen schöpferischen Denkern, seltsam beiseite gestanden. Ja, soundsooft kann man sich in diesen Zusammenhängen kaum des Eindrucks erwehren, als ob sich der jüdische Geist höchstens auf dem Umweg über die deutsche Spinoza-Verehrung eine eigene Bejahung des großen alten Denkers gestattete. Und man muß fast das Paradoxon wagen: Das neuere jüdische Denken hat sich etwa dem Deutschen Kant mit einer ganz anderen inneren Fruchtbarkeit hingeben können als dem großen Ethiker, der einst aus seinem eigenen Blut entsprang. Verglichen mit der Tiefe und mit dem Scharfsinn, mit dem Hermann Cohen das Bild des kritischen Kant zu neuem Leben weckte, oder verglichen mit der frappanten Bohrkraft, mit der schon Salomon Maimon bis zu den tiefsten Triebmächten der „Kritik der reinen Vernunft" hinuntergedrungen war, muß das jüdische Verdienst um die schöpferische Weiterentwicklung des Spinozismus ganz verblassen. Allerdings daß die Amsterdamer Gemeinde einst den Abtrünnigen aus ihrer Mitte ausschloß, ist historisch wohl begreifbar. Und selbst der heftige Bannfluch, den der Philosoph zu ertragen hatte, wirkt milde im Vergleich zu den Scheiterhaufen und zu den Folterqualen, die die katholische Kirche noch bis in jene Zeit hinein gegen ihre Ketzer bereithielt. Dagegen weit auffallender ist der so unend- 366