Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 365 (sequence 9)
- Language
- German
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Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken Herbart hat i836 entschieden erklärt, Spinozas Ethik widerspreche allem innersten moralischen Bewußtsein des Menschen. Franz von Baader hat noch in seiner letzten Schrift eine völlige „Desinfektion" des modernen Denkens von jener „heillosen" Morallehre gefordert; und auch sein feinsinniger Schüler, Christoph Schlüter, der Freund der Annette Droste- Hülshoff, brachte es höchstens zu dem Geständnis, daß sich in der spinozischen Ethik „das Höchste und das Niedrigste" in einer unerträglichen und gänzlich „inhumanen" Weise mische. Schopenhauer hat mehrmals bei Spinoza eine „empörende", ja „dreiste und infame Verleugnung aller Moral" brandmarken wollen. Nur flüchtig findet sich bei ihm die allerdings tiefsinnige Bemerkung: Spinozas Werten sei wesentlich alttestamentlich. Spinozas Gott sei der alte Jehovah, der seiner Schöpfung daseinsfreudig Beifall klatscht. Für Schopenhauer aber sei der Sinn aller Moral die Ertötung des Willens zum Leben, und das Symbol dieses tieferen sittlichen Wollens bleibe der gekreuzigte Heiland. Nietzsche aber hat endlich diese Wertung wieder völlig umgewertet. Nietzsche ist nicht blind gebheben gegen eine unleugbare Starrheit des spinozischen Denkens; er behielt auch gegen den amor dei intellectualis, gegen die vielgepriesene Seligkeit aus Verstand, stets die schwerste Skepsis; ja, sein bekannter Sinnspruch an Spinoza ist voll der tiefsten Verdächte. Und doch der mächtige Mut, in dem der große Denker des 17. Jahrhunderts einst den untersten Grundtrieben des Menschen nachgehen wollte, der hinreißende Wahrheitsdrang, in dem er dem moralistisch unverbrämten, in dem er dem nackten Urwesen des um sein Dasein kämpfenden Menschen klar ins Auge sehen wollte, die Reinheit und die lebendige Festigkeit, mit der schon er einst ein tieferes Jenseits von Gut und Böse suchte, das hat Nietzsche immer wieder zu ihm hingezogen. Und so hat er Spinoza mehrfach — noch in der Zarathustrazeit, in drei uns erhaltenen Aufzeichnungen — vornan in seine geistige Ahnentafel gesetzt. Und noch in der „Genealogie der Moral" findet sich das tiefe Wort: Spinoza habe der Welt ihre ganze Unschuld wiedergegeben. Er sei einer der Wenigen gewesen, die sie wahrhaft heilen wollten von dem morsus conscientiae, von dem schlechten Gewissen. Mit Nietzsche aber hat — soweit wir heute sehen können —, das schöpferische Weiterwirken des Spinozismus wohl seine letzte, neue Wendung gewonnen. Von Nietzsche her empfangen wir alle (wenn ich nicht irre) noch heute unsere lebendigsten spinozistischen Probleme. Es wäre sinnlos — wie das noch zu oft geschieht — sein naturwissenschaftliches Weltbild auch für die moderne 365