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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 364

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
Date
1932-12-01
Page
364 (sequence 8)
Language
German
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David Baumgardt auch Ludwig Feuerbach teilt sie; Schopenhauer hat stets nur gespottet über die wertlose Einschnürung dieser Metaphysik in die spanischen Stiefel der Propositionen und Korroiarien, und gar Nietzsche hat in jenem „Hokuspokus von mathematischer Form" nicht ohne Berechtigung vor allem eine Art Einschüchterungsmittel gegenüber etwaigen Angreifern sehen wollen. Und trotzdem muß man den Eindruck haben, daß in dem Zeitalter der zu Dutzenden gehäuften Spinoza-Dissertationen, in der Zeit etwa von 1860 an die Furcht vor den mathematischen Demonstrationen, die Furcht vor dem Scharf- und Tiefsinn spinozischer Begriffsanalyse eher zu gering als zu groß war. Überhaupt nur in wenigen unserer gelehrten Darstellungen ist die ganze begriffliche Strenge des Gedankengangs der Ethica wirklich adäquat gefaßt. Spinozas Unendlichkeitsgedanke aber spielt nun wieder in der Würdigung Hegels und seiner ganzen Zeit eine weit tiefere Rolle als die mathe.matisch© Methode. Die Kühnheit dieser spinozischen Konzeption, die Kühnheit des Gedankens, daß alles Endliche, daß alles Einzelne als untergegangen und als aufgesogen erscheinen müsse in dem unendlichen All-Einen, in dem „Äther der Allsubstanz" — die Bewunderung vor diesem teleskopischen Zug Spinozas hat bei Hegel wie bei Feuerbach und noch bei Renau oder schon bei Fichte oft einen überraschend verwandten Ausdruck gefunden. Dagegen tritt dann für Schopenhauer wie für Nietzsche dieses Motiv viel stärker zurück. Und die neuere philosophiegeschichtliche Forschung hat ja mit Recht den allgemeinen Unendlichkeitsgedanken schon in der Renaissancephilosophie vor und auch später neben Spinoza ähnlich stark vertreten gefunden. Nur Eduard von Hartmann hat noch gegen das Ende des 19. Jahrhunderts in seiner „Philosophie des Unbewußten" in Spinoza gerade die Blume aller Mystik und alles Unendlichkeitsdenkens rühmen wollen. Und ähnlich stellte sich noch vor fünf Jahren Max Sc heier in seiner Festrede in Amsterdam ein. Viel mehr in den Vordergrund aber tritt seit Hegel auffallend die Härte der spinozischen Moralphilosophie. Schon Hegel hat ausdrücklich betont: nichtig ist der Vorwurf, daß „Spinoza die Moral getötet" habe; und Hegel selbst hat ähnlich wie Spinoza jede Tugend abgewiesen, die das sittliche Sollen von dem Wollen des natürlichen Weltlaufs abtrennt. Vor allem damit, daß auch er alle Tugend in eine immanente Sittlichkeit des natürlichen Weltgeschehens auflösen wollte, ist er dem Ideal der alten Ethica besonders nahe gekommen. Dann aber beginnt gerade seit der Zeit des Hegelianismus die letzte deutliche Parteiung aller Geister im Kampf um die spinozische Moralphilosophie. 364

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