Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 363 (sequence 7)
- Language
- German
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Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken lieh erklärt: Das spiaozische System ist unkritisch. Sein Überfliegen aller Grenzen menschlicher Erkenntnis, seine Vergottung der Natur und seine Naturalisierung der Moral hatten die „Kritik der reinen" und die „Kritik der praktischen Vernunft" gerade methodisch überwinden wollen. Und doch gibt 1788 selbst Kant zu: „Wenn man die Idealitat der Zeit und des Raums nicht annimmt", d. h. wenn man nicht zum Kritizismus hinübertritt, „so bleibt nur der Spinozismus übrig" als das kühnste Weltbild rein dogmatischen rationalen, überempirischen Denkens. Und Fichte wiederholt noch 1794 im Sinne Kants: „Es gibt nur zwei völlig konsequente Systeme: das kritische, welches die Grenze .. des Ichs .. anerkennt und das spinozische, das sie überspringt". Je mehr aber Fichte als der Schöpfer einer Philosophie des absoluten Ich von der kritischen Linie Kants abbiegt, je mehr er dann unter dem Antrieb S c h e 1 - lings in eine neue reine Metaphysik hineingedrängt wird, um so mehr wird er wieder Spinozist, wie er selbst noch 1813 seine Nähe zu diesem „berühmtesten aller Seinslehrer", wie er ihn nennt, ausdrücklich bekunden wollte. Schelling selbst aber hat noch in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts ganz offen unter dem Vorbild Spinozas seine neue Naturmetaphysik aufbauen wollen. Und wenn er auch dauernd — nach seinen eigenen Worten und nach dem Vorgang Goethes — die „starre Pygmalionsäule" des spinozischen Naturbildes durch die Einführung organisch-dynamischer Naturkräfte zu beleben suchte, so hat er doch später noch — als er längst zum Theismus und zu einer Ethik vom Urbösen und vom Abfall von Gott übergegangen war — zugleich dem Spinozismus seltsamerweise die Treue halten wollen, ähnlich wie Steffens und fast alle Häupter der romantischen Naturspekulation. Vor allem aber ist die ganze deutsche Identitätsphilosophie ohne die Einwirkung Spinozas nicht zu denken. Daß die Unendlichkeiten alles Geistigen und alles Räumlichen in einem höheren absoluten Dritten identisch sind, diese Grundüberzeugung Schleiermachers und Hegels oder des jüngeren Schelling empfing von Spinoza her stets ihre wichtigsten Impulse, wie dies noch 1811 Jacobi richtig gesehen hat. Die klarste und tiefste Einsicht in sein Verhältnis zu Spinoza aber hat hier, wie ich glaube, Hegel gewonnen. Allerdings von der mathematischen Methode hat auch er ganz absehen wollen. Während Schleiermacher sie noch 18o3 teilweise in Schutz nahm, erschien sie Hegel nur als „unnütze, formelle Quälerei". Und diese Ablehnung der geometrischen Demonstrationen hat sich dann weiter bei fast allen führenden Denkern des 19. Jahrhunderts erhalten; 363