Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 362 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895513-2902644--06080-2902703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
David Baumgardt Eine völlig andere Auffassung aber, die erste ganz lebendige, die erste breit und leidenschaftlich entschiedene Bejahung erfuhr Spinoza durch Herder und Goethe. Sie haben sich beide nicht lange bei der mathematischen Methode aufgehalten. Goethe hat diese Methode sogar bewußt als „Widerspiel seiner eigenen poetischen Sinnesart" zur Seite geschoben. Und Herder und Goethe gingen auch gern über die amoralistischen Tendenzen der spinozischen Ethik hinweg, über diese, wie Herder meinte, „spitzesten Seiten" des Systems, durch die es sich „bei Juden wie bei Christen diskreditiert" hatte. Ja, der große deutsche Dichter und der Theologe suchten sogar gern den entschlossenen jüdischen Pantheisten zum „philosophus christianissimus" und „theissimus" umzudeuten, abgesehen davon, daß sie auch — höchst charakteristisch — Spinozas starre Begriffe unmerklich zu lebendigen, organischen Kräften zu erweichen suchten. Was aber Herder und Goethe stets wahrhaft ebenbürtig und erschütternd stark nachlebten, das war die Größe und die Tiefe des spinozischen Unendlichkeitsgedankens. Jener „wunderliche" Lehrsatz: „Wer Gott liebt, kann nicht wollen, daß Gott ihn wieder liebe, und daß das Unendliche sich so ihm als einem Endlichen preisgebe", oder der andere tiefe Satz: „Niemand kann Gott hassen", niemand kann die unendliche Allnatur selbst negieren wollen, diese „gränzenlose Uneigennützigkeit" des beschränkten Individuums vor dem Unendlichen, das Leben „aus dem Blickpunkt der Ewigkeit", diese Tiefe der Einbettung des Einzelnen in ein unendlich großgesehenes Weltganze, dies war es, was nach den Worten Goethes und Herders ihnen beiden immer wieder das Herz aufgehen ließ bei dem Gedanken an Spinoza. Und diese Verehrung vor dem tiefen Unendlichkeitssinn der spinozischen Ethik klingt auch weiter nach in dem Wort des Novalis von der Gottrunkenheit des Spinoza und in den großen Hymnen, die Schleiermacher in seinen „Reden über die Religion" und Friedrich Schlegel in seiner „Rede über die Mythologie" zu Ehren Spinozas schrieben, ähnlich wie noch später S o 1 g e r oder in Rußland der junge Solowjoff und in England Goleridge oder Shelley und Byron, die sogar aus Liebe zu dem großen Pantheisten gemeinsam eine neue Ausgabe seines „tractatus theologico-politicus" mit dichterischer Einleitung planten, während der große Chemiker Humphry Davy sich selbst bis zu einem Gebet auf den Spinozismus verstieg. Kant dagegen, der bahnbrechende Kritiker aller metaphysischen Erkenntnis, konnte und wollte begreiflicherweise gerade hier nie mittun. Er hatte schon 1786 in der Abhandlung „Was heißt sich im Denken orientieren?" deut- 362