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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 361

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
Date
1932-12-01
Page
361 (sequence 5)
Language
German
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Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken eigentlich ein „leichtfertiger Vogel" gewesen, ein „Verlacher der Götter und Menschen", auch habe er „nichts Subtiles" geschrieben. Es sei nur trotzdem der Mühe wert, daß man ihn einmal „funditus destruiere". Auch Voltaire kommt 1767 nicht über ein sehr zweideutiges Lob Spinozas hinaus; und selbst Hugh e n s und L e i b n i z suchten ihre persönlichen Beziehungen zu dem anrüchigen Atheisten möglichst zu verbergen. Nur ein paar vereinzelte, beherztere Geister wagten, in dem ersten Jahrhundert nach dem Tode des Philosophen mehr oder minder offen für ihn Partei zu ergreifen, wie Stosch, Lau, der ältere Wächter oder Edelmann, wobei der mutige Stosch sogar sein Adelsprädikat und seine Stellung am Hofe Friedrichs I. deshalb zeitweilig verlor. Sonst aber gilt für jenen ganzen Zeitraum nur das Wort Lessings: man habe Spinoza bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts behandelt wie einen „toten Hund". Erst 1785 beginnt dann, an Lessing anknüpfend, gerade in Deutschland die volle Renaissance des Spinozismus. Auch Frankreich, England und Holland haben wohl im 19. Jahrhundert für die gelehrte Spinozaforschung viel getan. Die Anregungen Cousins, die Bücher Pollocks, Me insmas und Couchouds werden auf diesem Gebiet eine wesentliche Bedeutung behalten. Und doch wirklich schöpferisches Leben hat Spinoza nur in der letzten großen Blüteperiode, die die Metaphysik in Deutschland erlebte, entzünden können. Friedrich Heinrich Jacobi aber hat 1785 diese Epoche eingeleitet durch seine berühmte Debatte mit Mendelssohn über Lessings Stellung zu Spinoza. Zu dieser Debatte haben damals Goethe und Herder, L a v a t e r und Lichtenberg, Matthias Claudius und Jean Paul, fast das ganze geistige Deutschland der Zeit, Stellung genommen. Und so ist sie zugleich zum lebendigen Ausdruck des Ringens um eine neue Religiosität überhaupt geworden. Mendelssohn und Jacobi haben sich allerdings keineswegs als Spinozisten gefühlt. Aber dafür entfachten sie unter den Zeitgenossen um so mehr Verehrung für die „W7eltreligion" des „großen, ja des heiligen Benedictus", wie Jacobi ihn nannte. Jacobi selbst blieb dabei geblendet von der Helle der Evidenz, von der harten, starren Folgerichtigkeit, die er der Lehre des Spinoza zusprach. Auf dem Boden des Naturalismus, auf dem Standpunkt eines reinen Verstandesdenkens schien ihm die Ethik Spinozas unwiderlegbar zu sein. Erst damit, daß der Mensch sich zu einer höheren, personalistischen Vernunft- und Glaubensphilosophie aufschwinge, konnte und mußte seiner Meinung nach ein theistischer Gottesglaube gerettet werden. 36t

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