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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 360

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
Date
1932-12-01
Page
360 (sequence 4)
Language
German
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David Baumgardt morphen Zweckvorstellungen in die Naturerklärung bedingungslos abgelehnt. Und auch in der Ethik hat er jede Furcht vor göttlichen Strafen verworfen; und noch weiter, tiefer hat er mit allem weicheren Hoffen auf göttliche Fürsorge, auf göttliche Barmherzigkeit endgültig gebrochen. Und doch hat derselbe Denker diese Tatsachen, die sonst, auch bei den größten Freigeistern, nur als bejammernswert zugestanden oder allenfals neutral konstatiert wurden, er hat die Unausrottbarkeit des egoistischen Eigeninteresses, die völlige Bedingtheit des menschlichen Wollens, das blinde, ohne jede Vorsehung ablaufende Naturgeschehen, als der einsame und mit dem Bann geächtete Jude, der er war, doch in freudigster Weltbejahung als das spezifisch Göttliche zu lieben und tiefsinnig einzuordnen gewagt. So zeigt das scheinbar so einfache und klare Bild des Denkers und seines Werkes innerlich mächtige und oft nur schwer überbrückte Problemspannungen, und alle diese verschiedenen Tendenzen haben in der Geschichte des Denkens nach ganz verschiedenen Richtungen hin gewirkt. Zunächst ist freilich noch fast das ganze 17. und ein großer Teil des 18. Jahrhunderts durchlärmt von dem wütenden Haß gegen Spinoza als das Urbild des verruchtesten Atheismus. Spinozas Abkehr von aller theologisch fundierten Ethik, seine Annullierung aller christlichen Moralbegriffe, hat instinktiv die Geister am fessellosesten empört. So nennt ihn der Augsburger Theologe Spitzel den „fleischgewordenen Satanas"; für Kortholt wird er der Maledictus, der Verfluchte oder mit künstlichem Wortspiel die spinosa terra, d. h. „das Dornenland". Johann Christoph Sturm, der bekannte Altdorf er Physiker, sieht in ihm nur ein „exotisches Tier", ja Menage und Reimmann glaubten sogar schon im Porträt des Denkers deutlich eine teuflisch „schwärzlichte Zigeuner- Couleur" und das Zeichen der Verworfenheit entdecken zu können. Hegel hat dann übrigens diese Anwürfe gegen Spinoza besonders geistvoll abgewehrt, indem er meinte, der Denker trage nicht die Züge der Verworfenheit, sondern umgekehrt die Züge der aktiven Verwerfung der gedankenlosen Leidenschaften der Menschen. Im frühen 18. Jahrhundert aber haben noch freiere Köpfe wie Johann Conrad D i p p e 1 Spinoza als „Ochsenkopf", als Tollhäusler, als „giftige Spinne" und als „Narren aller Narren" beschimpft. Ja, noch für den tiefsinnigen Hamann blieb er ein „Mörder aller Vernunft". Und damit auch der kräftige Humor nicht fehle, hat sich Samuel Pufendorf, der große deutsche Rechtsgelehrte, schon 1688 zu den seltsamsten Behauptungen verstiegen: Spinoza sei 360

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