Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 359 (sequence 3)
- Language
- German
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Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken zum Gestank, soviel Unordnung-, Übel und Verbrechen? Auf alle diese ewigen Fragen antwortet der Denker hier nur abweisend und scheinbar kalt mit der kurzen Formel: Die Gottnatur erschuf diese Schrecken eben nur deshalb, quia ei non defuit materia, weil es ihr an Stoff dazu nicht gebrach. Und doch dieses eigentlich Entsetzen erregende, kalte, seelenlose Ungeheuer der Allnatur wird eben gegen das Ende der Ethik für denselben Denker gerade das einzig Liebenswerte, der einzige Gegenstand jenes ewig notwendigen „amor dei intellectualis", der geistigen Liebe zu Gott. Ja, wir selbst sind nur soviel wert als wir wirkliches Dasein der Allsubstanz sind und nicht bloß Mangel an Sein. Denn gerade dies hat ja Spinoza mit erschütternder Schlichtheit gelehrt und gelebt, wie nur dies unser Ziel sein kann: seine ganz individuellen Geschäfte mit allem Fleiß zu betreiben und sich dabei doch nur als dienende, als verschwindende Welle des ganzen Seins zu wissen, ein Ding oder einen Menschen mit ganzer, mit innerster Inbrunst zu lieben und doch sie über das beschränkte Einzelding hinweg nur als Stück des ewigen Seins und des ewigen Schicksals zu fühlen. Und weiter: Es war bei Spinoza gewiß kein terminologischer Eigensinn und es war auch keine Anbequemung an die religiöse Orthodoxie, wenn er stets die ganze Natur und auch ihre Schattenseiten als göttlich empfand. Spinoza hat vielmehr in vollem Bewußtsein der Paradoxie auch das sonst als gottlos Verlästerte (wie den unbedingten Selbsterhaltungstrieb und das gefährlichste natürliche Streben des Menschen) im Ganzen des Seins als göttlich bewertet. Spinoza hatte überhaupt einen unerbittlich klaren Blick besonders für die dunklen Untergründe des Lebens, für die schwärzesten Nachtseiten des natürlichen und des geistigen Seins. Er denkt hier ebenso unerschrocken, nur tiefer als sein Zeitgenosse Hobbes oder sein Vorgänger Macchiavelli, mit dem ihn schon Friedrich der Große verglich. Spinoza hat es mit schonungsloser Offenheit unterstrichen, daß der egoistische Selbsterhaltungstrieb doch auch die Wurzel alles moralischen Verhaltens bleiben müsse, daß eine rein altruistische Selbstverleugnung weder denkbar noch erstrebenswert wäre. Und er hat auch jeden Glauben an eine ursachlose Freiheit des menschlichen Willens beharrlich bekämpft. Er hat mit Entschiedenheit das Bibelwort als wesentlich menschlich natürliches Wort auffassen und deuten wollen; und er gehört so zu den Vätern der modernen, radikalen Bibelkritik. Er hat eine erbitterte Polemik gegen allen theologischen Vorsehungsglauben geführt, er hat stets alles Hineintragen von anthropo- 359