Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 358 (sequence 2)
- Language
- German
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David Baumgardt erkenntnis rangen, sind für die moderne exakte Wissenschaft von weit größerer Bedeutung als die Methoden Spinozas. Auch Descartes, an den die ältere Forschung Spinozas besonders nah heranrückte, war viel kritischer und strenger naturwissenschaftlich gesonnen als sein großer Schüler im Amsterdamer Judenghetto. Spinoza aber ist von Anbeginn, seit seinem frühesten Studium der jüdischen Scholastik und der Kaballah vor allem Theologe, Metaphysiker und viel weniger Naturwissenschaftler gewesen. Er begnügte sich nie mit einer exakten Erkenntnis der einzelnen Naturerscheinung, sondern nur das ganze, das metaphysische Wesen der Welt wollte er unverhüllt schauen. Man hat bisher überwiegend von seiner tiefen Demut, von seiner stillen Unterordnung unter das Unendliche gesprochen, so wie sie in den letzten; Büchern seiner Ethik aufstrahlen. Aber man vergaß darüber den herausfordernden Stolz, man übersah das leidenschaftliche Pathos, mit dem die ersten Bücher des spinozischen Hauptwerks eben dieses Unendliche gedanklich zu beherrschen und zu überwältigen suchten. Man übersieht besonders gern in der populären Auffassung die zähe, die hartnäckige, die energische Kleinarbeit, durch die in der „Ethik" jeder Satz als unwiderlegbar auftreten will; man beachtet zu wenig das, was schon Jean Paul, der Dichter, treffend die „athletische Diktion" Spinozas genannt hat, man übersieht zu oft die scharfe Energie, in der der Denker, wie er selbst sagt, nicht irgendeine Philosophie, auch nicht die beste, sondern die einzig wahre Philosophie aufstellen wollte. Erst wenn wir in Spinoza diesen lebendigen Stolz zusammen mit seiner innersten Selbstbescheidung erfassen, können wir dem vollen Reichtum seiner Denkmotive tiefer gerecht werden. Aber nicht nur in seinen Erkenntnisaffekten mischen sich Srenge und Hingabe, auch Spinozas Gegenstand der Erkenntnis, der „deus sive natura", die ewige Allsubstanz, zeigt ein ähnliches, mindestens doppeltes Gesicht. In den ersten, ehern gefügten Definitionen und Lehrsätzen der Ethik erscheint die unendliche Allnatur nur als die überwältigende Urfülle aller Macht und aller Kraft, als der konkrete Inbegriff aller nur denkbaren Attribute, des Räumlichen wie des Geistigen und der unzählbar anderen Offenbarungsformen des alles umspannenden Urseins. Ja auf die ewige Leidensfrage der Menschheit: Warum hat diese unerschöpfliche Allkraft soviel Unvollkommenes erschaffen, soviel Leid und Ohnmacht? oder, wie Spinoza wörtlich weiterfragt: Warum gibt es in der Welt soviel Häßlichkeit, die Ekel erregt, soviel Fäulnis der Dinge bis 358