Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 357 (sequence 1)
- Language
- German
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Spinozas Bild im deutschen und jüdischen Denken Von David Baumgardt Goethe hat einmal sehr nachdenklich bemerkt: „Der Weltgeist ist gemeinhin toleranter, als man denkt". Eine solche Toleranz des Weltgeistes liegt, wie mir scheint, auch darin, daß das Jahr der bisher ausgedehntesten Judenfeindschaft in Deutschland uns jetzt auch nötigt, an dem 3oo. Geburtstag Spinozas die besondere Wirkung zu würdigen, die gerade dieser geächtete Jude auf den deutschen Geist geübt hat. Denn Spinoza hat zwar die gesamte Weltauffassung des Abendlandes entscheidend beeinflußt, am stärksten aber unleugbar die Philosophie des klassischen deutschen Idealismus. Für diese Würdigung Spinozas möchte ich zunächst nur drei zentrale Antriebe seines Denkens hervorheben: zuerst den „mos geometricus", die mathematische Erkenntnismethode, d. h. Spinozas Wille zum evidenten, exaktesten Erkennen, dann seinen metaphysischen Drang zum Erfassen der absoluten Ganzheit, zum Erfassen der absoluten Unendlichkeit des Daseins und schließlich — als drittes ethisch und religionsphilosophisch wichtigstes Motiv — Spinozas rückhaltloses Lob einer völlig entgötterten Welt als des spezifisch Göttlichen. Das spinozische Hauptwerk, die Ethik, hat bekanntlich aus ganz wenigen Grundbegriffen die Eigenart aller Dinge und aller Geschehnisse der Welt in einer Riesenkette von Demonstrationen als streng logisch erklärbar angesehen; sie suchte überall hellste Klarheit des Erkennens zu schaffen; sie hat rein mathematische Methoden in die Metaphysik einführen wollen. Aber wenn auch diese seltsam panzerharte geometrische Methode einst tiefe Denker leidenschaftlich faszinierte, so muß sie uns doch heute allgemein sachlich als besonders unzulänglich erscheinen, und sie hat auch seit dem 17. Jahrhundert für das philosophische Denken nie wieder fruchtbar werden können. Im Gegenteil, die weit begrenzteren, die tief kritischen Formen, in denen Galilei oder Newton und Leibniz um die Anwendung der Mathematik auf die Natur- 357