Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Motive in Spinozas Lehre
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Motive in Spinozas Lehre bestimmt es ausgesprochen, und er steht darin in seiner Zeit nicht allein. In dem Nachbarlande, in Frankreich, priesen Madame de Guyon und Erzbischof Fenelon die „sainte indifference" und den „amour desinteresse", der allein mit Gott und dem Guten verbinde und den einen Frieden gebe, und sie haben damit über ihr Land und ihre Zeit hinaus gewirkt. In jenen Tagen der Machtkämpfe zwischen den Kirchen, der Kriege zwischen den Parteien und Koalitionen wollten diese Menschen in der Unmittelbarkeit Gottes sein, um in der „reinen Liebe" zu Gott, in dem „heiligen Gleichmut" die innere Freiheit zu finden. Es ist das Eigene Spinozas, daß ihn das Geschick seines Lebens schon in frühen Jahren zu dieser Unabhängigkeit heiliger Rast geführt hat, die sonst nach Jahrzehnten des Ringens den Seelen naht, zu denen sie kommt, und daß dieser Friede dann seiner Philosophie zum Abschluß eines erhabenen Systems geworden ist. Das ist es ja, was sein Leben so oft zeitlos erscheinen Keß. In dieser wissenden ruhevollen Freiheit hat sein Denken Motiv und Quietiv, Grund und Erfüllung besessen. Der Mensch jenseits der Gemeinde hat so gefühlt und so gedacht, und so vieles er erkannt hat, eines blieb daher außerhalb seines Erkennens, außerhalb der Linien seines Systems: der Gedanke der Gemeinschaft. Er kennt, um eine moderne Terminologie zu gebrauchen, eine Gesellschaft, aber keine Gemeinschaft. So sehr er um das Ich und die Welt und auch um das Du und die Welt weiß, das Ich und Du in ihrer menschlichen Beziehung und Spannung, das Erleben des Mitmenschen mit seinem Glück und seinem Leid, seinem Hoffen und Fürchten bleibt ihm fern und damit dann auch sowohl der Gedanke der Familie wie der des Sozialen und des Messianischen. Und ebenso hat dann auch alles, was die Geschichte um den Menschen legt, in seinem System keinen Sinn und keinen Platz. Zwar hat er hinter allem, auch hinter den Einzelnen und den Gesamtheiten, die Harmonie göttlicher Einheit gesehen, so daß alle im Universum der Vernunft sich finden; aber das Geschichtliche wie das Gemeinschaftliche entschwindet ihm vor dem Absoluten. Das ist der leere Raum in seiner „Ethik". Auch dies ist aus dem Motiv hervor zu verstehen, von dem sein Denken sowohl Drang wie Hemmung, sowohl Gepräge wie Schranke empfangen hat. Von dieser sprechenden Einheit, die so in ihm Leben und Denken in Entscheidendem zusammenfügt, ist auch ein Wesentliches der Wirkung hergekommen, die immer wieder von Spinoza ausgegangen ist. In jeder Philosophie, die mehr ist als bloße Spekulation, will der Mensch auch sich selbst und sein Leben erweisen; sie soll nicht zuletzt Lebensantwort sein. Es mag so als ein 355 23'