Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Motive in Spinozas Lehre
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck Ein Pantheismus brauchte ja auch an sich zu dem Monotheismus noch nicht im Widerspruch zu stehen. Fast immer wird das religiöse Denken und Empfinden des Menschen, der auf sich gewiesen ward, der nun sich zugehören, in sich bleiben will, einen pantheistischen Zug zeigen. Gewiß war Spinoza nicht der Verlassene, der Gemiedene, als den man sich ihn ehedem dachte; er hatte seinen Umkreis, die Menschen, die ihn kannten und vielleicht erkannten, und die er kennen durfte. Aber er wollte doch keinem Kreise zugehören, er wollte den Raum seines Alleinseins besitzen. Dem, der allein ist, weitet sich sein Ich zu allem hin, in alles hinein, und dehnt sich alles hin zu seinem Ich; seine Seele zieht bis zum Verborgenen, und das Verborgene tritt an sie heran. Es darf hier neben Spinoza ein Mann der gleichen Zeit und des gleichen Landes gestellt werden, der auch von seiner Gemeinde, der Gesellschaft, in den Bann getan war, der alte Rembrandt. Hinter seinen bestimmten Gestalten — es sei für diesen Satz auf das Werk von Max Eisler „Der alte Rembrandt" hingewiesen — wird dem Einsamen ein Allgemeines, man möchte sagen, ein Allgegenwärtiges, gegenwärtig; alles strebt der elementaren Einheit zu bis zur machtvollen Monotonie, bis zur erhabenen Gestaltlosigkeit. Fast möchte man meinen, daß jetzt auch für den Maler gilt: omnis determinatio negatio est. Ich und Welt, Du und Welt werden auch ihm eines, eines auch mit geheimnisvollen Welten, fast möchte man wieder Spinoza sprechen lassen: mit allen den unendlich vielen, dem menschlichen Geiste verschlossenen, Attributen des Einen. Denn auch für Spinoza, den Demonstrierenden, der „more geometrico" alles zu beweisen unternahm, ist im Letzten alles doch Manifestation eines Geheimen, „modus" verborgener Realität, von der uns Menschen, auch dem Erkennenden, dem Weisen, nur ein Etwas, nur das, was in die Ausdehnung und ins Denken tritt, sich auftun kann. Nicht erst jenseits unseres Daseins beginnt die unergründliche Unendlichkeit, sondern, es war so schon der Sinn der mittelalterlichen jüdischen Mystik, in uns hebt sie an mit all ihrem Jenseitigen. Es ist darum nicht eine Resignation, die aus dem allen spricht, sondern die friedvolle Erfüllung des Denkens, dem auch das Nichtwissen zum Wissen und das Wissen zum Schauen geworden ist., Und auch darin, daß hier aller Wunsch nach Persönlichem und Besonderem, alles Verlangen nach Anerkennung und Dank geschwunden ist, alle Geltung und Lohn und Strafe gegenüber der Weisheit und ihrer geistigen Liebe jede Bedeutung verloren haben, wohnt keine Selbstverleugnung und kein Verzicht. Spinoza hat es innig so empfunden und 354