Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Motive in Spinozas Lehre
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 353 (sequence 5)
- Language
- German
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Motive in Spinozas Lehre Religion des Menschen, der ohne die Gemeinde ist, zu erweisen. So ist es immer das Problem des Mystikers gewesen, dessen Seele von der Gemeinde und ihren Gebilden fortzieht, damit sie in die ganze Unmittelbarkeit Gottes gelange, dessen Sehnen jene „Flucht des Alleinigen zum Alleinigen", jene epvyrj (xövov tzqoq (.iovov ist, von der Plotin zum Schlüsse seiner Bücher spricht. So ist es immer das Problem des religiös gerichteten Denkers auch gewesen, der um keinen Platz in der Gemeinde, innerlich oder äußerlich, mehr weiß, und der seines Gottes gewiß ist und gewiß bleiben will auch ohne sie; darin erhält auch er ja immer seinen mystischen Zug. So war es Spinozas „Suchen" geworden. Er war wie in seinem Politischen, so in seinem Religiösen kein Revolutionär; er hat nicht sein Ich, eine Macht seiner Individualität und seines Willens der Gemeinde entgegenstellen mögen, um in ihr oder gegen sie zu kämpfen, um seine Gemeinde sich zu erringen. Aber er hat sich mit entscheidenden Gedanken, so ist es der Ausgangspunkt seines Denkens, von dem Gewordenen, dem Geschichtlichen, dem Konstituierten seines Daseins fort zu dem Allgemeinen hin gewandt. Und es ist ja auch die Eigenart seines Genius geworden oder gewesen, daß ihm das Allgemeine alles bedeutete, so daß für ihn alle Bestimmtheit einen Mangel besagte — „omnis detemiinatio est negatio". Der Mensch, der in Gott lebt ohne die Gemeinde, ohne die Geschichte, dieser Weise, der für sich in Gott bleibt, der gewissermaßen wie aus der Kirche in den absoluten Staat, so auch in die absolute Substanz, das absolute Wesen von allem geflüchtet ist, das ist so der anfängliche und anhebende Gedanke im philosophischen System Spinozas. Damit gewinnt seine „Ethik" den inneren Zusammenhang, die innere Richtung, und damit wird es erkennbar, wie ihr fünftes Buch in der Darlegung der Philosophie, im äußeren Aufbau das letzte, aber der gedanklichen Entstehung nach, im Organischen der Gestaltung das beginnende ist. Im Verfolg des Ganzen könnte die Ethik von ihrem Schlüsse her zu ihrem Anfange hin gelesen werden. Erst durch die Lehre von diesem Weisen, der in seinem Gotte bleibt, mit steter geistiger Liebe in ihm ist, erhält die Lehre vom Gotte dieses Weisen, von Gott, der nicht nur der Schöpfer, sondern die Substanz aller Wesen ist, ihre Form und ihren ganzen Sinn. Der religiöse, ja der mystische Gehalt von Spinozas Gottesidee kommt nun hervor. Sie ist nun nicht mehr der bloße abstrakte Begriff, sondern sie bedeutet jetzt, um es mit einem Worte zu sagen, mit dem Goethe von Spinozas Gott sprach, das „allerreellste tätige Eins, das zu sich spricht: „Ich bin, der ich bin, und werde in allen Veränderungen meiner Erscheinung sein, was ich sein werde." 23 353