Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Motive in Spinozas Lehre
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck mansche Durchdringung des Alls war die Aufgabe, welche dieser wie jener sich gestellt hatte. Für beide ist das Kopernikanische System die methodische Voraussetzung; hier wie dort soll dessen weitere Konsequenz gezogen werden. Man könnte auch sagen, daß Spinoza den Kopernikanischen Grundgedanken der Verlegung des Betrachtungsortes, der Erfassung des wahren Mittelpunktes auf die Philosophie, auf die Systematik des Alls angewendet hat. Seine Philosophie will ein Denken nicht vom Menschen her, sondern von dem einig-einzigen Notwendigen aus sein, von dem einen, immer gleichen Mittelpunkt her, von dem einen Wesen aus, das allen zukomml. Das ist der Sinn seines bekannten Wortes, daß er die Dinge „sub quadam aeternitatis specie", „unter einer Form der Ewigkeit", d. h. unter einer Form der Notwendigkeit auffasse. Aber so klar dieses Wesentliche seiner Philosophie ist, so deutlich die Linien ihres monumentalen Charakters hervortreten, so hat sich doch die eine Frage oft aufgedrängt, die nach der inneren Richtung seines Denkens. Der Sinn der Lehre Spinozas scheint nicht eindeutig zu sein; er ist denn auch bald als ein positivistisch-atheistischer bald wieder als ein mystisch-pantheistischer erklärt worden. Man könnte diese Verschiedenheit auch in die Frage fassen, ob in Spinozas „Ethik" das fünfte Buch, das „von der menschlichen Freiheit", seine Bedeutung durch das erste Buch, das „von Gott", erhalte, oder ob es umgekehrt der Fall sei. Im fünften Buche tritt vor uns der Weise hin, der in der Kraft seiner Vernunft die Freiheit erlangt hat, der in seiner Tugend sein Glück und in seinem Geiste sein Unsterbliches besitzt, der sich in mystischer Hingabe dem Weltgrunde, der Einheit aller Erscheinungen zugehörig erkennt, und der darin Gott liebt, so daß diese geistige Liebe sich als Teil der unendlichen Liebe weiß, in der Gott mit sich selbst immer eins ist. Im ersten Buche spricht zu uns die kompromißlose mechanische Naturbetrachtung, die unbedingte Lehre von einer absoluten Notwendigkeit alles Geschehens, die sich in allem auswirkt, von einer ausnahmslosen Identität von Natur und Geist, aus der nichts herausgehoben ist, die Philosophie also eines starren Positivismus. Die Form der Darstellung ist in beiden Büchern dieselbe, und die Sätze von hier werden zu denen von dort bezogen; aber die Frage laßt sich nicht abweisen, ob denn die Worte „Gott" und „Mensch" hier und dort durchaus das Gleiche bedeuten. Eine Antwort darauf kann wohl wiederum nur von dem Motive her gewonnen werden, das in dem Genius Spinozas wirksam gewesen ist. Dem religiösen Denken des Mannes, der seiner Gemeinde fremd geworden war, und den sie dann gebannt hatte, war es zur bestimmten Aufgabe geworden, die 352