Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Motive in Spinozas Lehre
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 351 (sequence 3)
- Language
- German
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Motive in Spinozas Lehre schien, einem Vorgänger von Spinozas Politischem Traktat: „Das Naturgesetz, das auch das göttliche Gesetz ist, — unter „Naturgesetz" verstand er das ursprünglich Wahre, das Gebot der erkennenden Vernunft — fordert, daß wir dem Staate in allen Dingen, die er befiehlt, gehorchen, aber nicht, daß wir sie auch glauben", in diesen Worten ist das deutlich ausgesprochen, was damals viele meinten, wenn sie vor den Kirchen zu dem absoluten Staate hinflüchteten. Man hat sich oft darüber gewundert, daß sich das Quäkertum so oft und so gut mit den Stuarts verstand, daß William Penn bisweilen der Vertrauensmann Jakobs II. war; man hat sie der Charakterlosigkeit deswegen bezichtigen wollen. Man würde ihnen damit Unrecht tun. Ihrem praktischen Verhalten liegen die nämlichen Gedanken zugrunde, wie sie den Anlaß für die politischen Systeme Hobbes' und Spinozas bildeten: im Staate, der absolut ist, und dem sich darum jeder geistliche Herrschaftsanspruch unterordnen muß, ist der Raum für die Gemeinde der Andersgläubigen und für die Freiheit des Denkers. Damit der Staat über den Glaubensrichtungen stehen, damit er weltlich werden könnte, — in der Tat ist der weltliche Staat aus dem absoluten hervorgegangen — sollte er unbeschränkt sein. Er darf dem Tun bis ins Letzte befehlen, weil er dafür den inneren Menschen frei läßt. In den Kreisen der holländischen Kollegianten und Mennoniten, unter denen Spinoza lebte, hat man sicherlich ebenso empfunden. So hatte Jan de Witt gelehrt, dem er nahestand, und dessen Politik, auch gegenüber den Kirchen, er in seinen beiden politischen Schriften vertritt; so auch dessen Vorgänger schon, Oldenbarneveldt und Uytenbogaert; und ähnlich bereits seit den Hugenottenkriegen in Frankreich die Gruppe der Männer, die den Staat über die Konfessionen zu stellen mahnten, und die dort die „Politiker" hießen. Und wie schon angedeutet, tritt ein Gleiches auch in der Gegenwart nahe, in der sich so manche vor einer Parteiherrschaft in einen totalen Staat hineinretten wollen. Spinozas Staatslehre kommt aus diesen Erfahrungen seiner Zeit hervor, in die sich sein ganz persönliches Erleben noch hineinfügte, und erst hieraus wird es ganz verständlich, wie er zugleich der Prediger einer Toleranz und der Verkünder eines absoluten Staates sein konnte. Für das System seiner Philosophie läßt sich Ähnliches sagen. Auch hier kann sein Leben einen Ausgang seines Denkens aufzeigen. Die Art und die Kraft seiner Philosophie ist, wie schon hervorgehoben, durch die Eigentümlichkeit seines Genies gegeben. Er hat für die gedankliche Bestimmung des Universums ein gleiches gewollt, wie sein jüngerer Zeitgenosse, Isaak Newton, es für die mechanische Bestimmung des Universums geleistet hat; eine logisch-mathe- 35t