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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 350

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Motive in Spinozas Lehre
Date
1932-12-01
Page
350 (sequence 2)
Language
German
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Leo Baeck Heinrich Rosin, die Staatsanschauung Bismarcks zu der Spinozas in Vergleich setzen konnte. Und es wird aus gleichem hervor verständlich, weshalb überhaupt Denker des siebzehnten Jahrhunderts in dieser Weise das Wesen des Staates begründen wollten. Diese Männer hatten es erlebt, wie in den schweren Religionskämpfen der Zeit die Staaten auseinanderzubrechen drohten und die Geschicke von Menschen zerstört oder aus der Bahn geworfen worden waren. Sie hatten es erfahren, wie die Kirchen und Gemeinden der Religion aus Eigenem und Freiem hervor keines Willens fähig schienen, dem Andersgläubigen und Andersdenkenden einen Platz zu gewähren, wie überall die Bedrückten von gestern, die nach Duldung gerufen hatten, heute, wenn sie gesiegt hatten oder herrschen durften, Zwingherren und Verfolger geworden waren. Gegen diesen Druck und diese Zerrüttung schien es nur eine rettende Hilfe zu geben, den staatlichen Willen, der allein und unbeschränkt, durch nichts gebunden, entscheidet, dem alles und alle im Lande, auch die bevorzugte Kirche ganz ebenso wie die zugelassene, Untertan und untergeordnet sind. Gedankengänge unserer Tage können eine Parallele bieten. Dasein und Wesen oder, mit Spinoza zu sprechen, „Körper und Geist" des Staates gründeten sich daher für diese Staatslehrer ganz eigentlich auf die Macht, die ihm zukommt, und die seine Aufgabe ist. Sie gewährt ihm das vollständige Recht und die unbegrenzte Befugnis, so daß gegenüber seinen Geboten und Erfordernissen jeder andere Wille, auch der aller Gemeinschaften in ihm, das Recht verliert. Im absoluten Staate und nur in ihm ist daher allen denen, die von jenen Gemeinden und Kirchen verdrängt und ausgestoßen wurden, ihre Zuflucht und ihr Raum bereitet; so hatten Spinoza und vor ihm und nach ihm manch andere es in ihrem Leben erfahren. Denn da dieser Staat vermöge dieser seiner Macht und dieses seines Rechtes das Untertansein aller, diesen äußeren Gehorsam, ihn ausnahmslos und ganz und uneingeschränkt, aber eben nur ihn und nicht mehr verlangt, so schafft er, und er allein, eine Möglichkeit und einen Platz für die innere Freiheit des Denkens und Glaubens. Seine völlige Macht, zumal er um seiner selbst willen sie nicht willkürlich, sondern vernünftig anwenden soll, wird die Bürgschaft für einen Bestand unabhängiger Geister. Daher haben die Menschen, die in ihren eigenen Gedanken und ihrer eigenen Frömmigkeit zu leben begehrten, damals gern den absolutistischen Staat geduldet, ja nach ihm verlangt. In den Worten, die in Thomas Hobbes' Buch vom „Leviathan" stehen, das i65i während des englischen Bürgerkrieges er- 350

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