Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 347 (sequence 23)
- Language
- German
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Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte als der Name, als ein Hauch der Luft, zurück. Und ebenso führt von hier aus kein Weg zum Christentum zurück, wenngleich sich Spinoza den niederländischen Sekten, durch deren schlichte Frömmigkeit und durch deren „praktisches Christentum" er sich angezogen fühlte, persönlich vielfach genähert hat. Denn auch jeder Art von Erlöser-Religion ist jetzt der Boden entzogen. Spinoza sieht schon in dem Willen zur Erlösung einen metaphysischen Irrtum: denn er involviert nach ihm den Gedanken, daß es möglich sei, vom Individuum aus, von Sorge um das eigene „Seelenheil", der Erkenntnis des Göttlichen teilhaftig zu werden. In Wahrheit aber bedeutet schon der erste Schritt zu dieser Erkenntnis, daß wir die Sorge um das Ich, als ein „Dieses" oder „Jenes", als ein bloß- Einzelnes hinter uns lassen: denn nur in dieser prinzipiellen „Transcendenz" eröffnet sich uns der Weg zu jener universellen Ordnung, die es allein verdient, mit dem Namen Gottes bezeichnet zu werden. Nicht das Ich, nicht das Individuum soll nach Spinoza durch die Religion erlöst werden: vielmehr besteht die Wahrheit und Wesenheit der Religion eben in der Erlösung vom Ich, von der bloßen Individualitat. Das wesentliche Ziel der Philosophie, in dem sie mit dem Ziel der wahren Religion zusammenfällt, besteht nach Spinoza darin, daß sie den Menschen zur Freiheit erhebt; die echte Freiheit aber besteht nicht in der Emanzipation des Selbst, sondern in seinem Verzicht, in seiner Hingabe an die Eine universelle und unverbrüchliche Ordnung des Ganzen. Freilich zeigt sich auch an diesem Punkt, daß die Wege, die die Geistesgeschichte geht, mit denen der systematischen Philosophie keineswegs zusammenfallen, und daß vieles, was vom Standpunkt der letzteren als unvereinbar erscheint, sich in dieser zusammenfindet und eine eigentümliche Synthese miteinander eingeht. Eine solche Synthese ist es, die sich zu Reginn des neunzehnten Jahrhunderts in Schleiermachers „Reden über die Religion" vollzogen hat. „Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen verstoßenen Spinoza. Ihn durchdrang der hohe Weltgeist; das Unendliche war sein Anfang und sein Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe, in heiliger Unschuld und tiefer Demut spiegelte er sich in der ewigen Welt und sah zu, wie auch Er ihr liebenswürdigster Spiegel war; voller Religion war er und voll heiligen Geistes; und darum steht er auch da, allein und unerreicht, Meister in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft, ohne Jünger und ohne Bürgerrecht." In diesen Sätzen Schleiermachers schien Spinozas Lehre ihre eigentliche Wiederauferstehung, ihre Verklärung und ihre Apothese zu erleben. Und alle seine Grundbegriffe schienen nunmehr ihren Eingang in die Entwicklung der positiven Religion selbst zu gewinnen und für ihren Aufbau benutzt zu werden. Mit derselben Schärfe wie bei Spinoza wird jetzt von Schleiermacher der Wunderglaube als Fundament der Religion verworfen. Was den religiösen 347