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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 348

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
Date
1932-12-01
Page
348 (sequence 24)
Language
German
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Ernst Cassirer: Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte Sinn in der Welt anspricht, das sind nicht ihre Massen, sondern ihre Gesetze. Und die Durchbrechung dieser Gesetze müßte ihn demgemäß zu tiefst verletzen, müßte ihn aus dem Horizont des Religiösen überhaupt hinausweisen. „Was ist denn ein Wunder? — sagt mir doch, in welcher Sprache es denn etwas anderes heißt, als ein Zeichen, eine Andeutung? Und so besagen alle jene Ausdrücke nichts, als die unmittelbare Beziehung einer Erscheinung aufs Unendliche, aufs Universum; schließt das aber aus, daß es nicht eine eben so unmittelbare aufs Endliche, auf die Natur giebt? Wunder ist nur der religiöse Naime für Begebenheit; jede auch die allernatürlichste, sobald sie sich dazu eignet, daß die religiöse Ansicht von ihr die herrschende sein kann, ist ein Wunder. Mir ist alles Wunder und in Eurem Sinne ist mir nur das ein Wunder, nämlich etwas Unerklärliches, ein Fremdes, was keins ist in meinem." Hier hat Schleiermacher, wie es scheint, mit einem Schlage eine wahrhafte „coincidentia oppositorum" zustande gebracht. Spinoza ist aus einem Gegner der Religion zu einem ihrer Zeugen und Märtyrer geworden. Der Gehalt des Spinozistischen Glaubens wird nicht länger zurückgedämmt; er darf frei in das große Strombett der allgemeinen Religionsgeschichte einfließen. Aber diese scheinbare Versöhnung hält freilich der schärferen kritischen Analyse nicht stand. Denn Schleiermacher vermochte die Grundbegriffe Spinozas nur dadurch aufzunehmen und sie seiner Lehre einzuverleiben, daß er sie unmerklich in ihrem Gehalt veränderte. Die „Liebe zum Unendlichen", die für Schleiermacher den Grund der Religion ausmacht, ist in ihrem Sinn und ihrer Stimmung von Spinozas „amor dei intellectualis" spezifisch verschieden. Der Romantiker Schleiermacher konnte hier dem Logiker Spinoza nicht folgen. Für Schleiermacher quillt die Liebe zum Universum aus den Kräften des Gefühls und der Phantasie; für Spinoza gilt nur jene Liebe, die aus der reinen Erkenntnis entspringt, und die sich mit ihrem Licht völlig durchdrungen hat. Bei Schleiermacher schwelgt das Ich in der Empfindung und in der Anschauung des Grenzenlosen; bei Spinoza bildet dieses Grenzenlose nur insofern, als in ihm eine notwendige Ordnung, eine universelle Gesetzlichkeit zutage tritt, einen Gegenstand, ja den einzig-möglichen Gegenstand der strengen adäquaten Erkenntnis. Vor dieser Erkenntnis zergeht alles, was die Liebe zum bloßen Affekt stempelt, sie ist der Durchbrach zu jener Freiheit des Bewußtseins, die alle Affekte hinter sich läßt. „Wer sich und seine Affekte klar und deutlich erkennt, der liebt Gott und er liebt ihn um so mehr, je mehr er seine Affekte erkennt" (Eth. V, propos. XV). Spinozas Gotteslehre bildet daher — allen Versuchen der Angleichung und Amalgamierung zum Trotz — eine seltene, ja vielleicht einzigartige Ausprägung des religiösen Bewußtseins; aber gerade in dieser Einzigartigkeit muß man sie zu verstehen und ihr historisch gerecht zu werden suchen. 348

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