Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 346 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassirer In diesen Sätzen Goethes spricht sich das klarste Bewußtsein über sein inneres Verhältnis zu Spinoza aus: über das, was ihn mit diesem verband und was ihn nichtsdestoweniger dauernd von ihm trennte. In der Tat erhält auch das Spinozistische Wort, auf das sich Goethe hier beruft, wenn man es in seinem systematischen Zusammenhang nimmt, wenn man es in all seinen Vordersätzen und Folgen erwägt, einen anderen Sinn, als den, den Goethe ihm unmittelbar gegeben hat. Denn die „Uneigennützigkeit", die Spinoza von der echten Gottesliebe fordert, ist für ihn kein ethisches, sondern vielmehr ein intellektuelles Postulat. Sie entspringt nicht einer Grundrichtung des Gefühls und sie drückt nicht eine bestimmte Qualität des Willens aus, sondern sie ruht auf der Gewißheit einer gedanklichen Einsicht, auf der Klarheit und Reinheit des Begriffs von Gott. Dieser Begriff wird verkannt und entstellt, wenn das endliche Wesen für die Liebe, die es Gott entgegenbringt, irgendeine Art von „Gegenliebe" erwartet und fordert. Denn eben diese Gegenliebe würde das Absolute selbst wieder auf das Niveau des Bedingten und Abhängigen, des dem Affekt Zugänglichen hinabziehen. Wer Gott recht liebt, der darf nicht verlangen, daß er ihn wiederliebe: denn dieses Verlangen würde nichts anderes bedeuten, als daß er seinem reinen Wesen entsagt, daß er in den Kreis des Endlichen eingeht und sich in ihm vernichtet. Daß diese Grundanschauung einen völligen Bruch mit der gesamten religiösen Tradition in sich schließt, darf nicht geleugnet oder beschönigt werden. Denn was Spinoaa bestreitet, das ist nicht der Inhalt einzelner Lehrsätze, einzelner Dogmen der positiven Religionen. Er geht vielmehr auf die gemeinsame Quelle aller dieser Religionen zurück, und sie ist es, die er getrübt und die er durch anthropomorphe Täuschungen verfälscht findet. Mit dem Judentum gibt es von hier aus, wenn man dasselbe nach seiner Grundbedeutung und nach seiner eigentlichen rehgionsgeschichtlichen Mission nimmt, keine prinzipielle Versöhnung. Spinoza greift an die eigentliche Idee des Judentums, indem er Gott nicht nur über die Sphäre der Affekte hinaushebt, sondern ihm auch „Verstand" und „Wille", also den eigentlichen Kern des persönlichen Seins, abspricht. Wir mögen fortfahren vom Verstand oder Willen Gottes zu reden; aber die Gemeinsamkeit des Wortes darf uns über die fundamentale Differenz der Sache nicht hinwegtäuschen. Der „Verstand" oder der „Wille" Gottes gleicht dem unseren so wenig, wie das Sternbild des Hundes dem Tier gleicht, dessen Namen es führt. Damit ist das stärkste Band, das bisher Gott und Mensch zusammenhielt, als reales Band zerschnitten; und es bleibt von ihm nicht mehr 346