Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 345 (sequence 21)
- Language
- German
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Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte im Sinn, in der Einbildungskraft, im Begehren oder Trieb liegen; es bestellt allein in jener „intelleku eilen Liebe zu Gott", die ihn als ein schlechthin-Allgemeines erfaßt, weil sie selbst nicht der Besonderheit der endlichen Natur, sondern der reinen Allgemeinheit der Vernunft entstammt und sich an ihr ständig von neuem entzündet. 8. Spinozas Verhältnis zur Mystik. — Die „intellektuelle Liebe Gottes". Und damit wird zugleich die scharfe Grenze deutlich, die Spinozas Lehre vom „amor dei", von der reinen Gottesliebe, von allen Formen und Ausprägungen der religiösen Mystik trennt. Es ist kein Zweifel, daß Spinoza die Quellen dieser Mystik, der jüdischen wie der christlichen, genau gekannt hat — und in der Darstellung des fünften Buches der Ethik spürt man, bis ins Einzelne hinein, die Vertrautheit mit ihnen. Aber wenn Spinoza hier die Sprache der Mystik spricht, so bleibt es doch, geislesgeschichtlich betrachtet, ein Irrtum und ein prinzipielles Mißverständnis, wenn man seine Lehre in die Linie der Mystik rückt. Denn die Einheit zwischen Gott und Mensch, die er anstrebt, vollzieht sich bei ihm auf einem völlig-anderen und völlig-eigenen Wege. Sie entspringt nicht aus dem Gefühl, sondern sie soll aus der reinen Einsicht entspringen und sich in ihr fortlaufend erhalten und begründen. Goethe hat in „Dichtung und Wahrheit" berichtet, daß das, was ihn zuerst zu Spinoza hingezogen habe, die Forderung jener reinen Gottesliebe gewesen sei, für die das Subjekt, das sich ihr hingibt, keine Entsprechung, keine Art von „Gegenliebe" braucht oder verlangt. „Nachdem ich mich in aller Welt um ein Bildungsmittel meines wunderlichen Wesens vergebens umgesehen hatte, geriet ich endlich an die Ethik dieses Mannes. Was ich mir aus dem Werke mag herausgelesen, was ich in dasselbe mag hineingelesen haben, davon wüßte ich keine Rechenschaft zu geben, genug ich fand hier eine Beruhigung meiner Leidenschaften, es schien sich mir eine große und freie Aussicht über die sinnliche und die sittliche Welt aufzutun. Was mich aber besonders an ihr fesselte, war die gränzenlose Uneigennützigkei't, die aus jedem Satz hervorleuchtete. Jenes wunderliche! Wort: „Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe, mit allen den Vordersätzen, worauf es ruht, mit allen den Folgen, die daraus entspringen, erfüllte mein ganzes Nachdenken. Uneigennützig zu sein in allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung, so daß jenes freche spätere Wort: Wenn ich Dich liebe, was geht's Dich an? mir recht aus dem Herzen geschrieben ist. Übrigens möge hier nicht verkannt werden, daß. eigentlich die innigsten Verbindungen nur aus dem Entgegengesetzten folgen. Die alles ausgleichende Ruhe Spinozas kontrastierte mit meinem alles aufregenden Streben, seine mathemathische Methode war das Widerspiel meiner poetischen Sinnes- und Darstellungsweise, und eben jene geregelte Behandlungsart, die man sittlichen Gegenständen nicht angemessen finden wollte, machte mich zu seinem leidenschaftlichen Schüler, zu seinem entscheidenden Verehrer. Geist und Herz, Verstand und Sinn suchten sich mit nothwendiger Wahlverwandtschaft, und durch diese kam die Vereinigung der verschiedensten Wesen zu Stande." 345