Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 344 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895513-2902642--06060-2902685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ernst Cassirer macht werden. Die Widersprüche, die in ihrem reinen Wortsinn bestehen, sollen behoben, die Gegensatze zwischen den einzelnen Berichten sollen versöhnt werden, indem die historische Kritik uns lehrt, in den biblischen Texten das Zufällige vom Notwendigen, das Zeitlich-Bedingte der Darstellung von dem Gehalt, der in ihr ausgedrückt ist, zu sondern. Spinoza aber hatte hier eine andere, wesentlich weitergehende Folgerung gezogen. Er will nicht innerhalb der Überlieferung das Echte vom Unechten scheiden; sondern er greift an die Wurzel dieser Überlieferung; er bestreitet sie nicht nur in ihrem Inhalt, sondern schon in ihrem einfachen Begriff. Seine Kritik der Bibel wird durch eine Kritik der Prophetie eingeleitet: und diese gipfelt in dem Satze, daß eine „Offenbarung" des Göttlichen im traditionellen Sinne, eine Aussprache, die es durch ein einzelnes Individuum erfährt, in sich widerspruchsvoll sei. Der Prophet begreift Gott nicht, sondern er wird von ihm ergriffen; und seine eigentliche Kraft besteht in der Stärke und Macht dieser Ergriffenheit. Sie beruht auf einem Leiden, nicht auf einem freien Denken oder Tun. Aber in diesem Medium des Leidens kann die wahre, die adäquate Wesenheit Gottes niemals sichtbar werden: denn zu ihr gehört es, daß Gott nicht anders denn als unbedingt-frei, als „causa libera" gedacht werden kann. In der Passivität, in der Gewalt, die er unmittelbar von Gott zu erleiden glaubt, spricht daher der Prophet niemals dessen eigene Wahrheit, sondern er spricht immer nur sich selbst, mit allen Schranken seiner Natur, seiner Vorstellungskraft, seiner Affekte und Leidenschaften aus. Bis in die Einzelheiten des prophetischen Stils läßt sich nach Spinoza diese Abhängigkeit verfolgen; denn immer prägt sich in diesem Stil die individuelle Besonderheit und sozusagen die jeweilige „Idiosynkrasie" des Propheten aus. Je nach der Anlage ihres Temperaments und ihres Vorsteilungsvermögens, je nach den Anschauungen, in denen sie vorher gelebt haben, sprechen die einzelnen Propheten verschieden zu uns. Der Heitere und Milde verkündet Frieden, der Strenge und Düstere verkündet drohendes Unheil, Krieg und Strafgericht. Der Bauer redet bäurisch, der Staatsmann oder Hofmann höfisch — und so nimmt Gott, in der Verkündung eines Jeden, die Form an, die er als Einzelner in sich selbst trägt und verkörpert. Aber alle diese Einzelformen sind nicht sowohl besondere Bestimmungen ein und derselben, objektiv-gültigen Wahrheit, als sie vielmehr Ausdrücke derselben Falschheit und des gleichen prinzipiellen Ungenügens sind. Das Organ, mit dem das Göttliche wahrhaft-faßbar und dem Menschen zugänglich wird, muß über alle bloß-individuelle Einschränkung erhaben sein. Es kann nicht 344