Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 343 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895513-2902642--06059-2902684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte von einem derartigen Gott, der den Affekten von Liebe und Haß, von Eifersucht und Zorn unterliegt, aber ist, schon rein logisch genommen, das Musterheispiel für eine „contradictio in adjecto". Sie setzt ein Subjekt, und sie hebt durch das Attribut, das sie ihm hinzufügt, sein Wesen unmittelbar auf; sie nimmt ein absolutes, schlechthin-unabhängiges Sein an, und sie verstrickt es durch die Eigenschaften, die sie ihm hinzufügt, in die stärkste aller denkbaren Abhängigkeiten: in die Abhängigkeit vom sinnlichen Trieb und von der sinnlichen Leidenschaft. Hier kann nach Spinoza keine nachträgliche Idealisierung und Sublimierung der Gottesvorstellung Wandel schaffen, denn der Fehler im ersten Ansatz des Begriffs vom göttlichen Sein kann durch derartige Hilfsmittel niemals prinzipiell behoben werden. Der Anthropomorphismus muß mit der Wurzel ausgerottet werden; und dies geschieht nur, indem wir alles „Anthropopathische", alles was dem Leiden, nicht dem Tun angehört, von Gott fernhalten. 8. Spinozas Bibelkritik. Die Kritik der biblischen Schriften, die Spinoza im Theologisch-politischen Traktat durchführt, ist nichts anderes, als die konsequente Anwendung und Durchführung dieses Grundgedankens, und sie empfängt erst durch ihn ihre Wucht und ihre radikale Schärfe. Man pflegt Spinoza als einen der Begründer der modernen Bibelkritik anzusehen; und in der Tat ist das Prinzip, auf dem diese letztere beruht, bei ihm in voller Klarheit ausgesprochen. Er verlangt eine Metbode der Schrifterklärung, die mit der der Naturerklärung völlig übereinstimmt. Wie sich keine begriffliche Deutung des Naturgeschehens geben und keine Theorie von ihm denken läßt, ohne daß wir uns zuvor der Phänomene der Natur versichert und eine vollständige Geschichte dieser Phänomene aufgestellt haben: so ist es auch zur Schrifterklärung nötig, eine getreue Geschichte der Schrift auszuarbeiten, um, darauf gestützt, den Sinn ihrer einzelnen Teile und die Meinung ihrer Verfasser abzuleiten. Stärker als die Spinozistische Metaphysik hat im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert dieser methodische Grundsatz seiner Bibelkritik gewirkt. Aber wenn die Aufklärungstheologie des achtzehnten Jahrhunderts diesen Grundsatz aufnahm, so besteht nichtsdestoweniger zwischen ihr und Spinoza kein unmittelbarer historischer Zusammenhang. Denn das gleiche Prinzip dient in beiden Fällen einem durchaus verschiedenen Zweck. Für die theologischen Neuerer der Aufklärungszeit, für Männer wie Semler und Michaelis, soll die historische Erkenntnis der Bibel den Zwecken der Apologetik, dem Zweck ihrer Verteidigung und Sicherung dienstbar ge- 343