Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 342 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassirer gründen. Auch hier gilt es, die Macht der Einhildangskraft zu brechen; auch hier gilt es „Wesen" und „Bild" aufs schärfste zu unterscheiden. Der Vorwurf, den Spinoza gegen alle bisherige Theologie erhebt, ist, daß sie in der mythischen Anschauung und Vorstellung Gottes befangen blieb, statt sich zur wahrhaften Erkenntnis, zum „Logos" von Gott, zu erheben. Sie schuf sich einen Gott nach dem Bilde des Menschen, und sie hat ihn mit all den Schranken des menschlichen Daseins behaftet. Sie hat das Unendliche zum Endlichen herabgezogen, statt jenes zu diesem zu erheben und in ihm aufgehen zu lassen. Die bisherige „Theologie" ist in Wahrheit Anthropologie gewesen, und sie ist es, bis in ihre höchst-verwickelte logische Entwicklung hinein, bis in all ihre noch so feinen scholastischen Subtilitäten, geblieben. Denn bei aller Verfeinerung der Form der Gotteslehre und der Form der Gottesbeweise, blieb die Materie, blieb das Substrat, auf das sich diese Beweise bezogen, dasselbe. Statt der versprochenen Idee von Gott erhalten wir nur immer und überall eine eng-begrenzte, in ihren Grundzügen durchaus sinnliche Vorstellung von ihm; statt der versprochenen Universalitat, statt echter Wahrheit und Allgemeingültigkeit, begegnet uns nur ein durchaus Partikulares, mit allen Mängeln der endlichen Natur Behaftetes. Es ist weniger der logische, als der ethische Charakter der traditionellen Gottesvorstellung, an dem Spinoza immer wieder diesen ihren Grundmangel bloßzustellen versucht. Denn stärker als in allen bloß-logischen Einschränkungen tritt die Grenze, die Endliches und Unendliches voneinander trennt, im Wollen und im Tun hervor. Nicht die Vorstellung, sondern der Affekt bildet hier die eigentliche Grenzscheide: denn er ist das sicherste Kennzeichen und gewissermaßen das Stigma der endlichen Natur. Wo immer wir daher ein Sein noch seinem Bereich angehörig, wo wir irgendwelche affektiven Bestimmungen an ihm auch nur als möglich denken, — da haben wir es damit bereits zum bloßen Modus gemacht und es seiner Substantialität beraubt. Statt vom Wesen selbst sprechen wir jetzt nur noch von einer bloßen Einzelbestimmung. Aber eben dieser Übergang und diese Herabwürdigung macht den Charakter der bisherigen theologischen Dogmatik aus. Sie hat Gott, statt ihn als reine Tätigkeit (als „actus purus") zu erkennen, vielmehr in die Sphäre des Leidens hinabgezogen; sie hat ihn, den sich selbst Gleichen, mit Prädikaten ausgestattet, die ihren Sinn und ihre mögliche Anwendung nur innerhalb des bewegten und veränderlichen Daseins besitzen; sie hat ihn, den völlig Bestimmten und in dieser Bestimmung Vollendeten, zu einem von außen her, durch fremde Einflüsse Bestimmbaren gemacht. Die Vorstellung 342