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Der Morgen · 1932-12-01 · Heft 5 (Dezember 1932) · p. 341

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 5 (Dezember 1932)
Article
Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
Date
1932-12-01
Page
341 (sequence 17)
Language
German
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Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte — so wahr bestellt eine scharfe und unaufhebliche Grenze zwischen der Spinozistischen Alleinheitslehre und jenen anderen Systemen, mit welchen man sie, unter dem vagen Gattungsbegriff des Pantheismus, zusammenzufassen pflegt. Giordano Bruno und Shaftesbury, Herder und Goethe bestimmen den Begriff des göttlichen Seins aus der Anschauung und aus dem Gefühl des göttlichen Wirkens heraus. Nur im Wirken Gottes wird uns seine reinste und tiefste Wirklichkeit faßbar; nur im schöpferischen Prozeß enthüllt sich uns seine Substanz. Die rechte Erkenntnis Gottes ist daher mit dem Nach-Fühlen und dem unmittelbaren Mit- und Nachleben dieses Prozesses gleichbedeutend. Sie wird uns nicht im bloßen Begriff, in der Strenge und Klarheit des reinen Denkens zu Teil; sondern sie erschließt sich nur dem, der sich unmittelbar mit dem Geist des göttlichen Wirkens durchdringt, der in allem besonderen Wirken der Natur den „Genius" der Weit spürt, der sich in ihnen ausspricht und offenbart. „Mächtiger Genius! Einzig belebende und begeisternde Kraft! Dein Einfluß ist allumfassend, und in allen Dingen bist Du der innerste Kern. Die Energie des Lebens ist weit verbreitet, unendlich gestaltenreich, alles durchströmend, nirgends erloschen, alles lebt und kehrt in regelmäßiger Folge wieder ins Leben zurück" (Shaftesbury). Von einem solch überschwänglichen Lebensgefühl, von einer derartigen enthusiastischen Hingabe an den Reichtum des Einzeldaseins und an dessen grenzenlose Gestaltenfülle weiß Spinozas Lehre nichts. Spinoza schwelgt nicht in der Betrachtung der Fülle und der inneren Bewegtheit des Daseins, die ihm vielmehr nur Trug und Schein, die ihm ein bloßes Spiel der Imagination ist. Er will dieses bloße Bild des Lebens überwinden; er erfreut sich nicht an der Anschauung des Vielfältigen und Wechselnden, sondern er sucht über dem allen, die reine Ruhe, die Beständigkeit und die Sicherheit des Begriffs. In dieser Ruhe wird uns, in logischer Hinsicht, die adäquate Erkenntnis Gottes zuteil — und in ihr läßt sich, in sittlicher Hinsicht, erst der „Friede Gottes" erringen: denn beides bleibt unerreichbar, so lange wir uns noch im Werden der Erscheinung herumtreiben, statt zu ihrem reinen Sein, zu ihrer Eissenz und Wahrheit, durchzudringen. 7. Gott und Mensch bei Spinoza. Und damit gelangen wir zu einer neuen Grundbedeutung von Spinozas metaphysischer Weltformel. Der Satz „Deus sive Natura" (Gott oder Natur) will nicht nur eine neue Beziehung zwischen Gott und Welt aufstellen, sondern in ihr und kraft ihrer ein neues Verhältnis zwischen Gott und Mensch be- 34t

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