Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 340 (sequence 16)
- Language
- German
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Ernst Cassirer seit jeher zu kämpfen hatte. Sie sind auch heute, trotz aller kritischen und historischen Arbeit, die an ihn gewandt worden ist, noch keineswegs gänzlich beseitigt, noch nicht prinzipiell überwunden. Nicht nur in populären, sondern auch in streng wissenschaftlichen und systematischen Darstellungen begegnet uns immer wieder der Versuch, Spinoza zum „Atheisten" oder „Pantheisten" zu stempeln. Aber beide Bezeichnungen sind für seine eigentliche Grundlehre gleich unangemessen. Das Vorurteil des „Atheismus", das die Auffassung und die Kritik der Zeitgenossen wesentlich bestimmt hat, ist freilich durch die Wiedergeburt, die Spinozas Lehre im 19. Jahrhundert erfahren hat, mehr und mehr zurückgedrängt worden — und die Vorstellung von dem „Gottesleugner" Spinoza kann heute als endgültig überwunden gelten. Was Lessing, was Herder und Goethe dieser Vorstellung entgegensetzen: das erfährt seine systematische Zusammenfassung und Begründung in Schleiermachers „Reden über die Religion". An die Stelle des Gottesleugners ist hier das Bild Spinozas als des Gottessuchers, ja des „Heiligen" getreten. Nüchterner und schärfer wird sodann von Hegel in den Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie die Stellung des Gottesbegriffs im System Spinozas bestimmt. Hegel betont, daß, wenn irgendein Vorwurf mit Grund gegen Spinoza erhoben werden könne, es nicht der sei, daß er Gott, sondern daß er der Welt nicht genug getan habe; daß er nicht die Absolutheit Gottes, sondern die Selbständigkeit des Kosmos verkannt habe. Seine Lehre sei daher nicht sowohl ein System des „Atheismus", als vielmehr ein System des „Akosmismus". Hartnäckiger als der Vorwurf des Atheismus hat sich die Vorstellung von Spinozas „Pantheismus" behauptet; und noch immer kehrt sie in den verschiedenartigsten Fassungen und Wendungen wieder. Aber auch sie müssen wir ausschalten, wenn wir nicht ein fremdes Gedankenmoment und ein fremdartiges Gefühlsmoment in Spinozas Lehre hineinlegen wollen. Mit jenem Pantheismus, der in der Philosophie der Renaissance durch Giordano Bruno verkündet wird, und der weiterhin in Shaftesburys Naturhymnus oder in Herders Gesprächen über Gott seine Ausprägung gefunden hat: mit ihm hat Spinozas Ethik nichts gemein. Denn wenn sie die Einheit von Gott und Welt behauptet, so ist doch die Begründung, die sie für diese Einheit gibt, dem dynamischen Pantheismus Brunos und Shaftesburys diametral entgegengesetzt. So wahr daher der eigentliche Grundcharakter einer philosophischen Lehre nicht in ihrem bloßen Inhalt gegeben ist, sondern erst durch ihre Form, durch die Art ihrer Beweisführung und Methodik, durch ihr logisch-gedankliches Grundgerüst bestimmt werden kann, 340