Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 339 (sequence 15)
- Language
- German
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Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte Bedingung gehorcht, daß es sich nach ausnahmslosen und allgemeinen Gesetzen begreifen läßt. Und dieser Begriff des Naturgesetzes ist nach Spinoza nicht nur mit den Göttlichen vereinbar, sondern er fällt mit der reinen Wesenheit, mit der Substanz des Göttlichen zusammen- Gott denken und eine universale Gesetzlichkeit des Seins und Geschehens denken, besagt dasselbe — und umgekehrt bedeutet jede Einschränkung dieser Gesetzlichkeit eine Einschränkung, und damit eine wahrhafte Leugnung Gottes. „Nie wird die gesunde Vernunft auf den Gedanken kommen, der Natur eine begrenzte Macht und Fähigkeit zuzuschreiben und zu behaupten, ihre Gesetze seien nur für bestimmte Fälle, aber nicht für alle passend . . . Denn da alles nur nach dem göttlichen Ratschlag allein mit Notwendigkeit wahr ist, so folgt daraus mit völliger Klarheit, daß die allgemeinen Naturgesetze nur Gottes Ratschläge sind, die aus der Notwendigkeit und Vollkommenheit der göttlichen Natur folgen. Wenn daher in der Natur etwas geschehen würde, das mit ihren allgemeinen Gesetzen in Widerspruch stünde, so würde es auch dem Ratschluß, dem Verstand und der Natur Gottes notwendig widersprechen; oder wenn jemand behaupten wollte, Gott tue etwas entgegen den Naturgesetzen, so müßte er zugleich auch behaupten, Gott tue etwas seiner eigenen Natur entgegen, was höchst widersinnig ist." (Theologisch-politischer Traktat, deutsche Ausgabe von Gebhardt, S. 112 f.) Der Begriff des Wunders ist damit aus dem Inhalt der Religion beseitigt: die Annahme des Wunders wäre nicht nur der Tod jeder wahrhaften Naturerkenntnis, sondern auch die Zerstörung jeder echten Gotteserkenntnis. Wer im Wunder, in einem Ereignis, das aus der allgemeinen Ordnung der Natur herausfällt, eine Bezeugung des Göttlichen sieht, der hat damit die Macht Gottes, die er zu verherrlichen und zu erhöhen gedenkt, vielmehr vernichtet: denn wie könnte diese Macht ohne sein Wesen bestehen, und was ist dieses Wesen anders, als jenes ewige Gesetz, das durch das Wunder negiert wird und zu dem es das gerade Widerspiel bildet? Wo das Wunder daher noch „des Glaubens liebstes Kind ist", da zeigt sich, daß dieser Glaube in sich noch keine Beständigkeit und Sicherheit, keine wirkliche innere Wahrheit besitzt. Die echte Gotteserkenntnis verlangt nicht nur nicht eine Bestätigung durch Wunder, sondern sie verwirft ausdrücklich jede derartige Bestätigung; denn ihr, als dem Glauben an eine durchgängige unverbrüchliche Ordnung der Dinge, ist der Wunderglaube nicht die Bekräftigung, sondern die eigentliche Verkehrung, die Perversion des religiösen Sinnes. 6. Sinn und Kern von Spinozas „Pantheismus". — Spinoza, Shaftesbury u. Goethe. Nur wenn man an diesem Grundgehalt von Spinozas Naturbegriff festhält und wenn man sich ihn ständig vergegenwärtigt, kann man jenen typischen Mißverständnissen und Fehldeutungen entgehen, mit denen der Spinozismus 339 22*