Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1932)
- Article
- Spinozas Stellung in der allgemeinen Geistesgeschichte
- Date
- 1932-12-01
- Page
- 338 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassirer Religion durch Herbert von Cherburys Schrift „De veritate" (1624) verkündet und systematisch entwickelt und verfochten worden. Aber weder Herbert von Cherbury selbst, noch die folgende Bewegung des „Deismus", die an ihn anknüpft, hat jemals diese Forderung in der Strenge genommen, in der Spinoza sie versteht. Herbert und der Deismus knüpfen an den gegebenen Bestand der Glaubenswahrheiten an; und ihr wesentliches Absehen ist darauf gerichtet, aus diesem empirisch-vielfältigen und empirisch-wechselnden Bestand einen festen unveränderlichen Kern herauszuschälen. Dieser Kern zum mindesten ist nicht auf eine bloß-partikulare Offenbarung, auf eine einmalige, örtlich- und zeitlich-begrenzte Verkündung begründet; er gehört der menschlichen Natur als solcher an, und bleibt, wie dieie Natur, überall sich selbst gleich. Die Überzeugung von einer universellen Vorsehung, die alle Dinge lenkt, die Überzeugung von der Allmacht, der Allgüte und Allweisheit eines höchsten Wesens, die Überzeugung von der Fortdauer der Seele nach dem Tode: dies alles bedarf keines anderen Zeugnisses, als des Zeugnisses der Vernunft und ihrer eingeborenen Ideen. So greift der Deismus nirgends an die Wurzeln der Religion; er will nur ein Instrument für die Erkenntnis ihres wesentlichen Gehalts, er will nur ein Werkzeug sein, um das Bleibende und Wesentliche des religiösen Dogmas rein heraus zu präparieren und von allen zufälligen Hüllen und Masken zu befreien. Spinozas Theologisch-politischer Traktat aber geht weit über diesen Ansatz des Deismus hinaus; er verändert nicht nur den Inhalt des Religiösen, sondern er sucht für die Religion eine neue Form und einen anderen Wesensgrund. Es genügt nicht, innerhalb der überlieferten Glaubenslehren das Partikulare vom Universalen, das Willkürliche vom Notwendigen zu unterscheiden; sondern es gilt das Ganze der Religion so zu fassen und so zu gründen, daß es von aller Beschräuknng und Einengung, von aller anthropomorphen Bindung und Entstellung frei wird. Und das einzige Mittel, das uns für diese Befreiung, für diese Emanzipation der Religion gegeben ist, besteht wiederum in nichts anderem, als in dem Rückgang auf den reinen Begriff der Natur — nicht als eines Inbegriffs von Dingen, sondern als Ausdruck der reinen Gesetzlichkeit, die in den Dingen waltet, und die ihnen erst ihr eigentliches Sein, ihre Festigkeit und Bestimmtheit, gibt. Ausdrücklich wird im Theologisch-politischen Traktat der Begriff der „Natur" in diesem Sinne verstanden und eingeführt. „Ich verstehe" — so erklärt Spinoza — „hier unter Natur nicht allein die Materie und ihre Affektionen, sondern außer der Materie noch unzähliges andere" — sofern all dieses Andere nur der einen 338